Skip to content
1680–1747

Unsterblichkeit der Seele.

Barthold Heinrich Brockes

Nachdem sich jüngst ein Sturm geleget, Und ich, von der noch regen See, Da ich an ihrem Ufer steh, Das Wanken ihrer Fläche seh,

Die unaufhörlich sich beweget; Beweget mich ihr wühlend Wallen, Daß ich auf ihrer Wellen Heer, Und ihr beständigs Steigen, Fallen,

Die angestrengte Blicke kehr. Ich seh dieselben schnell entstehn, Sich schäumend bäumen und erhöhn, Sich plötzlich senken und vergehn.

Ich hatte dieses Fluhten-Spiel, Und ihr veränderlichs Gewühl, Kaum eine Zeitlang angesehn; So brachte mich der Wellen Wanken,

Derselben rege Flüchtigkeit, Die kurze Dauer ihrer Zeit, Zu diesen ernstlichen Gedanken: Mich deucht, es scheinen schnelle Wellen

Ein Bild des Lebens vorzustellen, Da wir auch schnell, wie sie, vergehn. Sie kommen, zeigen sich, sie schwellen, Sie bersten, da sie kaum entstehn,

Sie stürzen plötzlich sich hernieder, Und mischen, mit der Fluht, sich wieder. So scheint es auch mit uns zu gehn: Wir kommen. Kaum, daß wir uns zeigen;

So brüsten wir uns schon im Steigen, Bald sinken wir von unsern Höh’n, Da wir dann wiederum zur Erden, (auch wie sie) was wir waren, werden.

Dieß Gleichniß mußt’ ich ähnlich schätzen, Und wie ich mich darauf besann; Gerieht ich fast in ein Entsetzen, Daß es mit uns so bald gethan.

Allein, es gab der Wahrheit Licht, Mir diesen tröstlichen Bericht: “dieß gehet bloß den Leib nur an; Und fuhr sie fort, mir zu erklären:

“mein Wesen müsse ewig währen. Gedenke nicht, daß dieser Schluß Der Hoffnung, die in dir sich findet, Sich bloß auf deinen Nutzen gründet;

Daß man ihn desfalls glauben muß. O nein, du hast ihn anzusehn Als einen unbewegten Grund, den Schöpfer Selber zu erhöhn.

Sollt’ ein, mit solcher Meng’ Jdeen, (wodurch wir einen Schöpfer sehen) So wunderbar- begabtes Wesen, Zu solcher kurzen Daur erlesen,

Und für den Augenblick allein, Den wir hier sind, bestimmet seyn? Wie stimmte dieß mit einer Liebe, Von einer Gottheit, überein,

Die Selbst in unsre Seelen schriebe: Daß solche kaum entstandne Triebe, Für ein unendlichs, ewigs Seyn, Zu niederträchtig und zu klein.

Die richtige Vergänglichkeit der cörperlichen Creatu- ren Zeigt eines Schöpfers weise Macht. Der Seelen Daur allein giebt Spuren

Von GOttes weis- und ew’gen Liebe. Wenn wir derselben Daur nicht glauben, Was thun wir sonst, als daß wir GOtt der besten Eigenschaft berauben,

Und, statt wir hier, nach allen Kräften, die Gottheit schuldig seyn zu ehren, Selbst GOtt so viel an uns verkleinern, uns gleichsam wider Gott erklären.

Ja wie, wenn kein Geschöpfe wäre, wir nichts vom Schöpfer wissen könnten; So würden, wenn wir von der Seele derselben stete Dauer trennten,

Wir den gefundnen GOtt verlieren. Denn, hörte mit dem Lebens-Lauf, Und wenn des Cörpers Stoff sich trennet, auch unsrer Seelen Wesen auf;

So wär, wenn auch die Gottheit bliebe, dennoch für uns kein Gott vorhanden, Und, wären wir, da auf der Welt, Die wahre Tugend selten Lohn, das Laster selten Straf’

erhätt, So gut als wie von Ungefehr, und sonder einen GOtt, entstanden. So zweifle denn, gescheuchte Seele, nicht ferner an der

wahren Lehre, Du seyst zum andern Stand ersehen. Es fordert nicht nur unsre Pflicht, Es fordert es die Eigenliebe, und unser eigen Nutzen

nicht, Es fordert diesen wahren Glauben selbst unsers Schöpfers Ehre.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Unsterblichkeit der Seele. · Barthold Heinrich Brockes · Poetry Cove