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1680–1747

Uhr-Werck der Ewigkeit.

Barthold Heinrich Brockes

Unlängst, als ein guter Freund, der noch offt an mich gedencket, Der die Ehrlichkeit fast selbst, mich mit einer Uhr beschencket, Die so künstlich ist, als kostbar, ja ein rechtes Meister-Stück, Und ich meinen frohen Blick

Aemsig, voll Verwundrung, lenckte Auf die unterschiedne Scheiben, (denn nicht nur die gan- Sondern, nebst dem Monats-Tag, auch Minuten und Sind besonders vorgestellt) ward ich sonderlich gerührt

Durch die Scheibe, deren Zeiger sich so schnell im Circkel führt, Daß, eh der Minuten-Zeiger einen einzgen Schritt gemacht, Er bereits mit sechszig Schritten seinen Kreis-Lauff gantz Ich bewunderte die Weißheit, die der Schöpfer uns

Da die Menschheit solche Wercke macht, erfindet und er- Und ich danckte GOtt dafür. Sonderlich da man die Zeit Und derselben stillen Lauff (mit so fester Richtigkeit Wunderwürdig eingetheilt, sichtbar dargestellet findet,

Welche sonst, in schneller Stille, kommt, vergeht, entsteht, Wie es scheint, und wie man meint. Aber eben diese Scheibe, Welche die Secunden zeigt, zeigt, selbst in der Flüchtigkeit, Ein beständigs Bild der Zeit,

Und daß wir mit Recht nicht können Das vergangene vergangen, und die Zeiten flüchtig nennen. Denn ist der Secunden Kreis gleich vollendet und Sieht man, am Minuten-Zeiger, daß sie gegenwärtig sey:

Folglich sieht man, recht mit Augen, wie es möglich sey, Und dennoch, als nicht vergangen, ohne Wandelung bestehen. Zeigt uns dieses nicht ein Bild, zu des grossen Schöpf- Daß, ja gar auf welche Weise,

Wir von unsern Lebens-Zeiten (so, dem Schein nach nur, Die verfiogenen Seeunden alle werden wieder sehn Dort an dem Minuten-Zeiger, welchen wir, nach dieser Zeit, In der langen Ewigkeit,

Sonder Zweifel finden dürften. Da wir denn, was hier Mit Vergnügen oder Zittern, quälen oder Fröhlichkeit, Wie wir unsern Wandel hier angestellt gehabt auf Erden, Sehen und betrachten werden.

Hiemit stimmet überein das, was dort Johannes Wann es heisset: Jhre Wercke folgen ihnen dorten nach. Denn, wo alles, wie es hier zu vergehen scheint, verginge, Alles wäre wie ein Traum, ja wie ein Geschrey, vorbey;

Schien’ es, als ob in der That alles Wesen aller Dinge Kaum der Mühe wehrt gewesen, daß es einst erschaffen sey. Aber ach! was fällt mir ein! das Gewercke dieser Uhr Zeiget mir ein mehres noch. Selbst das Uhr-Werck der

Wird mir, vor mein Seelen-Aug’, in der allgemeinen Welt Als ein ungemessnes Uhr-Werck anzusehen vorgestellt: Worauf die Planeten Scheiben, und zugleich auch Zeiger Als die üm den Mittel-Punct, üm der Sonnen Glut und

In so unverrückter Ordnung, in so fester Spur sich drehn, Daß sie, üm die Zeit zu zeigen, unaufhörlich richtig gehn. Hier an dieser Wunder-Uhr sind nicht nur die Jahre Und Minuten ieder Monat, Tag’ und Nächte nur Secun-

Sondern, wenn wir unserm Geist den verlangten Flug nur Werden wir, wiewol erstaunt für Vergnügen, leichtlich Es sey, mit nie müdem drehn, auf der Sonnen Wunder- Der, in seinem Stand und Wesen, immer flüchtige Mercur

Gleichsam die Secunden-Scheibe; daß der Venus-Scheibe Die Secunden doppelt zeige; daß der Erden-Kreis darauf Vier Secunden zeig’ und deute. Des entflammten Mar- Scheint auch diese zu verdoppeln. Jupiter stellt wunderbar

Einen Zeiger der Minuten, ja ein eignes Uhr-Werck dar: Da er selbst, an seiner Scheiben, andre Scheiben wieder Die, ob gleich fast unerblicklich, doch so wunderbar, als Daß, wenn wir, bey heitren Nächten, sie durch einen Tubum

Man sich, voller Lust und Ehr-Furcht, billig vor dem Schöp- Endlich daß Saturnus Scheibe, nebst fünf runden Neben- Die in nie verrückter Ordnung sich beständig üm ihn treiben, Eine noch weit grössre zeige. Da der Ring, der ihn üm-

Nebst ihm selbst, in dreißig Jahren üm der Sonnen Licht sich Folglich zwo Minuten zeigt. Wer erstaunt nicht, wann er An die Herrlichkeit und Grösse dieser Himmels Wunder- Aber, Seele, weiter fort! unsre gantze Sonnen-Welt,

Alle Scheiben der Planeten sind, trotz ihrer Grösse, nur Als ein einzigs Uhr-Werck uns, GOtt zum Lobe, vorgestellt. Aber wie so viel sind ihrer, die im Schoosse der Natur, Unserm

In dem weiten Himmels-Saal so zur Pracht als Nutzen Ungehindert, unverrückt, mit so schrecklichem Gewicht! HeRR! wer zittert für erstaunen, und für Lust und Wenn man sich den tieffen Himmel, recht als einen weiten

Wo, an stat Mobilien, Sonnen-Uhren ohne Zahl GoTTES Thron und Wohnung schmücken, vor der See- HeRR Zebaoth! ew’ger Schöpfer! ach! wenn ich hieran Deucht mich, daß ich mich am tieffsten in Dein Göttlich We-

In der majestätisch-prächtig-herrlichen Jdee voll Licht, Deucht mich, daß ich einen Blick in das Allerheiligste, In den Tempel Deiner Allmacht, mit halb seeligem Ge- Voller Demuth, voller Sehn-Sucht, voller Lieb’ und Ehr-

Und Dich himmlischen Monarchen recht in Deiner Klarheit Ja selbst von der Ewigkeit, die aus Deinem Wesen quillt, Zeiget der Gedancke mir ein nicht ungereimtes Bild. HeRR, wir sehn, es sind, vor Dir, Secula nicht nur Se-

Sondern tausend Jahre kaum. Wer begreifft denn Deine

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