Skip to content
1680–1747

Sommer-Betrachtungen.

Barthold Heinrich Brockes

Wann erst der Furchen Meng' in manchem Striche Erhabnen kleinen Wellen gliche, Nachher der Halmen reges Heer Ein lieblich-wallend Segens-Meer;

So scheinet itzt, zu unsrer Freude, Das schon gemähete Getrayde, Da volle Garben sich erhöhn, Und allbereit in Hocken stehn,

Erhabne, doch auch stille, Wellen Den Augen lieblich vorzustellen. Dort kann man in fast nicht zu zähl’nden Schocken Der gelben aufgethürmten Hocken,

Von Gersten, Weizen und von Rocken, Die langen zierlichen Alleen Von güldnen Segens-Bergen sehen. Wenn wir nun zwischen ihren Höhen,

Mit frohem Fuß, spatzieren gehen, So laßt uns, bey so reichem Segen, Des Gebers Lieb’ und Macht erwegen, Der tiefen Weisheit Meer ermessen,

Und ja des Dankens nicht vergessen! Von wem entsteht die Fruchtbarkeit? Von wem stammt Sonnenschein und Regen? Von wem, in Saat und Frucht, der Segen

Der nährenden Beschaffenheit? O Schöpfer und Erhalter! wir Empfangen es nur bloß von Dir. Komm, Seele, brauche deine Kräfte zu deines Schöpfers

Preis und Ehre! Erwege, was dazu gehöre! Damit, zu unserer Erhaltung, Lust und Freude, Das uns ernährende, vergnügende Getrayde

Geraht’ und brauchbar sey. Wie viel, wie viel, wie vielerley An Witterung, an Segen und an Fleiß, So, daß kein Menschen-Witz es zu ergrübeln weiß,

Gehört dazu! Ach, laßt es uns betrachten, Und in der Gabe Größ’ und Wehrt Die Grösse Deß, Der sie beschehrt, Mit Dank und mit Bewundrung achten!

Wenn dir zu deinem Unterhalt das allernöhtigste gebräche, Und jemand dir sodann verspräche, Er wolle dich die ganze Lebens-Zeit Mit Ueberfluß, Bequemlichkeit

Und mannigfacher Lust ernähren; Würd’ einen solchen nicht dein Geist, Nach allen Kräften, loben, ehren, Und ihm den schuld’gen Dank gewähren?

Wie kommt es denn, daß Gott nicht wird gepreist, Der dich wahrhaftig in der That, So wie Er dich bisher gespeiset hat, Dich im Getrayde stetig speiset.

Sprich nicht: Will ich Getrayde haben, Muß ich mirs saur gnug, aus meinem Land’ ergraben. Sprich gleichfalls nicht: Die Frucht vom Felde Bezahl’ ich ja mit meinem Gelde,

Und so wird mir ja nichts geschenkt. Ach nein! unglücklich irrt, wer also denkt. Du Gräber, sprich! das Land, das dich ernährt, Hast du dir solches selbst beschehrt?

Hast du den Saft darinn gesenket? Bist du es, welcher Sonnenschein, Zu seiner Fruchtbarkeit, darauf gelenket, Und welcher es mit Regen tränket?

Hast du die reichliche Vermehrungs-Kraft Und die fast lebend’ Eigenschaft, Daß es sich in die Höhe treibet, Durch deine Kunst, dem Saamen einverleibet?

Hast du, zu dem so nöhtigen Geschäfte, Dir die Gesundheit, Glieder, Kräfte, Die Werkzeug’ und Verstand gegeben? Und du, der du dir Korn für Geld verschaff’st, erwege:

Wofern auch alles Geld, Das in der ganzen Welt, In deinen Händen wär’, in deinem Schatze läge, Du würdest, wenn dir GOtt das Korn nicht wollte gönnen,

Dir nicht ein Körnchen kaufen können. Und dennoch wollen wir den Schöpfer in den Werken, Nicht seine Huld, nicht seine Weisheit merken! Und dennoch wollen wir den Geber in den Gaben,

Ob wir sie gleich von Jhm allein unstreitig haben, Nicht kennen, nicht bewundern, nicht verehren, Und den geringsten Dank Jhm kaum gewähren! Wenn wirklich keine Gottheit wär’,

Die dich mit so viel Segen nährte, Und bloß allein ein Ungefehr Dir Kleidung, Trank und Kost beschehrte; So könntest du unmöglich minder denken

An einige Erkenntlichkeit; So könntest du, zur Erndte-Zeit, Unmöglich minder Dank ihm schenken. Wir aber wollen itzt mit Andacht uns bemüh’n,

Aus einer inniglich gerührten Brust, Und voller Lust, Den Geist zu Dem, Der alles schafft, zu zieh’n, Jhm, als die einz’ge Quell’ allein

Von allem Guten anzusehn, Und Jhn in unsrer Lust erhöhn: O GOtt, durch Dessen weisen Willen Die Felder sich mit Segen füllen,

Indem die Früchte, nach dem Schein, Nicht Gold nur, wirklich gülden seyn! Die ausser, daß sie uns noch nähren, In wirklich Gold ja zu verkehren,

Auch all' aus Deiner Liebe quillen, Nur Dir sey Preis und Ehr' allein!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.