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1680–1747

SeNECA .

Barthold Heinrich Brockes

Du daurest mich in deinem Eifer, nicht minder groß- als schwarzer Geist, In welchem, durch dein dickes Blut, so dich mit lauter Larven schrecket,

Sich ein Gemisch von Gall und Gift, von Raserey und Schwehrmuht weist, Dem selbst der Mittag dunkel scheint, dem Zucker, wie der Wermuht, schmecket.

Die Biene saugt aus Bluhmen Honig, du Spinne zeugst aus ihnen Gift, So scheinst du ja nicht zu beklagen, wenn dich nur Schmerz und Kummer trifft.

In deinem traurigen Gehirn, worin der Kreis-Lauf stockt, entstehen, Als wie aus einer bittern Quell’, dich selbst verfolgende Jdeen.

Dein Auge, nicht an gelber Sucht, an schwarzer krank, sieht, was es siehet, Und wär es noch so rein, so weiß, als wie durch einen schwarzen Flor.

Dir kommt die Morgen-Röhte dunkel, ein Stern, wie eine Kohle, vor. Dich deucht, als wenn die Sonne selber in einem düstern Feuer glühet,

Wodurch, im grämlichen Gehirn, Gespenster schreckender Jdeen, Die deine schwehre Phantasey zusammen webt, und schwärzt, entstehen.

Nun tragen wir ein billigs Mitleid mit Kranken, den die gelbe Sucht Mit Dunkelheit den Blick benebelt: Allein mit dir, der du die Welt,

Und was darinn die weise Liebe des Schöpfers schönes vorgestellt, Mit deinem giftigen Verstande, die deiner düstern Schwehr- muht Frucht,

Zu schwärzen, zu entehren suchst, scheint alles Mitleid ungerecht. Ein Feind von GOtt, von der Natur, vom ganzen mensch- lichen Geschlecht,

Ja von sich selbst, scheint solch ein Wesen, das zur Un- möglichkeit gehören, Und nie ein Wesen haben sollte. Es muß nur die Erfah- rung lehren,

Daß GOtt dergleichen dulden kann. Doch weil, wie sehr du dich verschuldet, Und alles umzukehren suchst, dich doch des Schöpfers Güte duldet;

So wünsch ich, GOttes Huld bewundernd, mit der Natur gemässen Lehren Dein ganz verfinstertes Gemüht, wo es noch möglich, aufzuklären.

Erwege, wenn du deinen Zweck erhalten könntest, was auf Erden, Durch deiner Lehre schwarzes Gift, doch würde für ein Zu- stand werden!

Die Hölle wäre nicht so schrecklich, es würden, in gering- rer Pein, Die Teufel selber glücklicher, als wie der Erden Bürger, seyn.

Wo unser Blick nur Larven sehe, das Ohr ein ewigs Heulen hörte, Die Zunge Gall und Gift nur schmeckte, die Nas’ ein steter Stank beschwehrte,

Und, im empfindlichen Gefühl, ein scharfer Schmerz sich stets vermehrte, Zu welcher Noht du uns verdammst; wer könnt’, in sol- chem Pfuhl von Plagen,

Die Menschen, die Natur, die Welt, ja gar sein eignes Ich ertragen? Die Gottheit wäre Selbst vernichtet, als welche fehlt, wenn Liebe fehlt.

Dieß ist ein Abriß von der Welt, die du zu deiner Welt erwählt, Die dein verbittertes Gemüht, aus grämlicher Melancholey, Und der, durch ihren schwehren Drang, verwirrten, düstern

Phantasey, Durch deinen wilden Geist verführt, durch dein vergalltes Blut verderbet, Aus lauter Schreck-Gespenstern formt, mit lauter todten

Farben färbet. Musik, Licht, Farben, Balsam, Honig, die Lieblichkeit der süssen Triebe, Die aus beflammten Augen quellen, der Seelen Nectar-

Saft, die Liebe, Wein, säurlich-süsse Früchte, Freundschaft, samt allem, was uns hier gefällt, Reißt deine schwarze Räuber-Faust, durch deine Welt-

Chart', aus der Welt. Zwar finden sich auf Erden Wüsten, gesengter Sand, nie schmelzend Eis; Allein es mehrt ein solcher Stand, in unsrer Lust, des Schöp-

fers Preis, Indem, durch ihren Gegensatz, wir das, was GOtt uns wollen gönnen, Noch desto herrlicher befinden, uns mehr daran ergetzen

können. Erwege deiner Schlüsse Falschheit, und des verführten Herzens Tücke. Du wirfst auf nichts, als was auf Erden betrübt und widrig

ist, die Blicke. Dieß klaubest du mit Müh zusammen, und machst, mit kluger Wut erfüllt, Aus diesem grämlichen Gemisch ein dir selbst unerträg-

lichs Bild. Hingegen alle Herrlichkeiten, das Firmament, das Son- nen-Licht, Die Gras- und Bluhmen-reichen Wiesen, die kühlen Schat-

ten-reichen Wälder, Die Gärten, voll von Glanz und Bluhmen, den Schatz der Segen-schwangern Felder, Den Nutz und Schmuck der Elementen, samt ihrer Ordnung,

siehst du nicht. Die unserm Geist gegönnte Sinnen, durch welche, von der schönen Erden, Die nicht zu zählende Geschöpfe zum Brauch uns zugeeignet

werden, Sind wirklich da; nur nicht für dich. Indem dein Geist sie nicht empfunden, Sind sie für alle wirklich da, nur bloß für dich allein ver-

schwunden. Die grosse Wahrheit kennst du nicht: Daß hier auf Erden alle Sachen Nicht eigentlich seyn, was sie sind, sie sind das, wozu wir

sie machen. Du bist es, der die Lust zur Last, du bist es, der das Licht zu Nacht, Den Frühling, Sommer, Herbst, zum Winter, und Honigseym

zu Galle macht. Dir stellet deine Phantasey, durch dickes Blut verderbt, die Zier, Die Ordnung, Pracht und Lieblichkeit der Welt, als wie ein

Chaos, für. Dein Auge, voll von schwarzer Sucht, kann in den Dingen, die geschehen, In allen Handlungen nur Laster, in Menschen nichts, als

Teufel, sehen. Je tiefer nun, bey dieser Krankheit, dein scharfer Geist auf alles denkt, Je schwärzer mahlet er die Bilder, die er in sich zusammen

Aus Gram, aus Jammer, Plag’ und Quaal, die sein ver- dunkelt Feur belebet. Da denn die Larven Schaar zwar andre, doch ihn am aller- meisten kränkt.

Besinne dich, geliebter schliesse: Daß ein Gelbsüchtiger von Farben zu sprechen sich enthalten müsse.

Du bist entweder würklich krank, wo nicht, so ist es alle Welt, Als deren Meynung sich gerade der deinigen entgegen stellt. Du melancholisches Geschöpfe sprichst selber deinem

Schöpfer Hohn, Der dir sowohl, als allen, hie Sich Selbst in Seinen Wer- ken wiese. Du hast von deiner bittern Mühe doch einen gar betrüb-

ten Lohn. Du baust, mit arbeitsamer Hand, recht sinnreich in dem Paradiese Dir selber eine eigne Hölle. Denn wenn mans nur erwegt;

so ließ Des Schöpfers Huld uns auf der Erde annoch ein würklichs Paradies. Denn alle Dinge, die uns dort von Edens Lust-Revier

beschrieben, Sind auf der Erden noch befindlich. Gras, Kraut und Bluhmen sind geblieben, Wir haben Frucht- und andre Bäume, wir haben Gärten,

fette Felder, Bewachsne Berge, kühle Thäler, Fisch-reiche Flüsse, Büsch’ und Wälder, Uns zinsen alle Elementen, uns zollt die Luft, das Land,

das Meer, Von Vögeln, Thieren und von Fischen ein nimmermehr zu zählend Heer, Zu unsrer Lust, zum Nutz, zur Nahrung. Sprich selbst,

was war in Edens Auen, Das wir nicht noch auf unsrer Erden besitzen, fühlen, schmecken schauen? Allein, wer so, wie du, verfährt, wer taub und blind für

alle Gaben, Der würde selbst im Paradiese gemurret und gewinselt haben. Wer auf der Welt nicht arm, nicht krank, ist schuldig,

bloß dahin zu sehn, In dem Genuß der Creaturen, durch Lust, den Schöpfer zu erhöhn. Dieß ist ein wahrer Gottesdienst, wodurch sich GOttes

Ruhm vermehrt, Den uns mit Gründen, die nicht trieglich, Natur, Vernunft und Bibel lehrt. Es liegt wahrhaftig nicht an GOtt. Er schuff die Welt,

Er schuff sie schön, Er gab uns Sinnen, daß wir schmecken, auch riechen, fühlen, hören, sehn, Und ihre Schönheit nutzen können. Er wollt’ uns eine

Seele schenken, Damit wir den Genuß der Lüste, durch ein vernünftigs Ueberdenken, Uns zuzueignen fähig wären, und auch zugleich erkennen

können, Es müss’ ein’ ew’ge Liebe seyn, die uns dergleichen wollen gönnen. Hieraus entstehet Gegenliebe, ein Opfer, das allein nur

wehrt Dem grossen Vater darzubiethen. Nur dadurch wird Er recht geehrt, Zumahl aus diesem holden Feuer die Glaubens- volle Zu-

versicht, Er werd’ uns künftig auch noch lieben, in schon halbsel’gen Flammen, bricht. Dieß ist ein ander Bild der Welt, als wie das deinige.

Nun sage, Ob über die Natur und GOtt ein Sterblicher mit Recht wohl klage? Die Noth, die du vom Kriege, Morden, Empörung, Raub

und Blutvergiessen, Verfolgung, Ungerechtigkeit, Betriegen und Verrätherey, Verwundung, Vergewaltigung, Vergiftung, Mord-Brand, Tiranney,

Erzehlst, und die mit solchem Feur aus deiner scharfen Feder fliessen, Sind ja nicht der Natur, nicht GOtt, nur bloß den Men- schen zuzuschreiben,

Die, ihrer eigenen Natur und Art nach, freye Wesen bleiben, Die Bös- und Gutes wirken können, und, leider! meistens Böses thun.

Hierbey nun lässet, wie ich hoffe, dein Einwurf es ja wohl beruhn. Doch halt! mich deucht, du rufest mir, mit schnellem Eifer, beissend zu:

Was sagst du denn von Unglücks-Fällen, die, sonder unsre Schuld, geschehen, Von Wasser-Fluhten, Feuers-Brünsten, wenn Erd- Erschütt'rungen entstehen,

Von Donner, Hagel, Blitz und Stürmen, von Pest und Krankheit? Nennest du Denn dieß auch Ordnung? keine Plagen? Gemach! auch hier ist nichts verlohren.

Die Ordnung bleibt in der Natur, die, für das erkohren; Das entspringt

Ein Gut, das wir nur nicht begreifen. Was Ganz! versetzest du vielleicht, Ich leide ja dadurch nicht minder, bleibt gleich das Ganze ganz. Mich deucht,

Wenn solch ein Unfall, solche Noht, auf mich und auf die Meinen dringt, Ich könne mich mit Recht beschwehren. So denke doch einmahl zurück.

Was bist denn du, im Gegenhalt mit allen auf dem Kreis der Erden? Soll deinentwegen denn der Stoff der Elementen anders werden?

Für dich ein Wunderwerk geschehn? Verdienest du ein stetes Glück? Ja ist dein ganzes Leben hier nicht gleichsam nur ein Au- genblick

Mit jener Ewigkeit verglichen, in welcher Gottes Gna- den-Wille Den kleinen hiesigen Verlust des, welches dir doch nur geliehn,

Und nie dein Eigenthum gewesen, mit einer ewigsel’gen Fülle Von unveränderlichem Guten, und mit unwandelbaren Schätzen, Stets daurender Zufriedenheit, aus Lieb’, entschlossen zu

ersetzen? Wann nun dein ungerechtes Murren und die Verklei- nerung der Welt, (die doch ein göttliches Geschöpf, das Er so wunderbar

erhält,) Dein Schmählen, dein betrübter Stolz, dein grämlich ungeduldigs Flennen, Zu der Erlangung solches Standes, wohl kein verdienstlich

Werk zu nennen; So suche, wo dir noch zu rahten, durch deines scharfen Geistes Kraft, Der grämlichen Melancholey verführerische Leidenschaft,

Die schwarze Furie der Seelen, mit frohem Eifer, zu be- kämpfen, Und deines unterdrückten Geists betrübt- und dunkles Feur zu dämpfen.

„auf! mache dich, im Glück, durch Lust, im Unglück, durch Gelassenheit, „und, GOtt in dieser Welt bewundernd, zu einer bessern Welt bereit.

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