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1680–1747

Schneller Wechsel.

Barthold Heinrich Brockes

Ich stand, an einem heitern Morgen, Nachdem das falbe Heer der Schatten Sich mit der kühlen Nacht verborgen, Bey meines Brunnens Wasser-Strahl’;

Und sahe, mit vergnügten Blicken, Wie, von dem Morgen-Licht, sich alle Tropfen schmücken. Die Wolcken, die bisher die Lufft verhüllet hatten, Zertheilten sich, und liessen Wunder-schön,

In hellen Silber-weissen Grentzen, Die holen Tieffen, wie Sapphir, Ja aller Creaturen Zier, Das Gold der Sonnen selber, sehn.

Der helle Glantz, der Welt und Himmel füllet, Ward an dem Ort, woselbst das Wasser quillet, Und wo es wieder nieder fällt, In einem Schimmer vorgestellt,

Der unbeschreiblich ist. Die regen Wellen wallen Und bilden recht des Himmels Licht, Als wie in Spiegeln von Crystallen. Jhr unaufhörliches bewegen

Macht, daß die Strahlen rückwärts prallen, Uns durch das Aug’ ins Hertze fallen, Und eine Seelen-Freud’ erregen Demjenigen, der an der Creaturen Schätzen

Sich dann und wann gewehnt hat zu ergetzen. Es blitzt, es gläntzt, es funckelt auf der Fluth, Jm hellen Wiederschein, der Sonnen Wunder-Gluth, Die aller Farben Schönheits-Quelle.

Es blinckt auf einer glatten Stelle, Es blinckt auf einer ieden Welle, Die sich in Circkelchen formirt, Vom Sonnen-Licht gefärbet, und geziert.

Man siehet Licht und Glantz auf regen Kreisen schwimmen; Man sieht, als wie ein Feur, das rege Wasser glimmen. Zumahl Da, wo der Wasser-Strahl

Das untre Wasser trifft und bricht, Indem daselbst, als wenn sie leben, Die Tropfen sprudelnd sich erheben, Und schäumend kochen, hüpfen springen:

Wodurch sie ein beständigs Licht, Als dessen Theilchen, an und in sie dringen, Dem sie beschauenden Gesicht Mit tausend Lust, im rückwärts prallen, bringen.

Indem ich nun vergnüget stehe, Und diesen weissen Glantz besehe, Bedeckt ein falber Wolcken-Schleyer Von ungefehr des Himmels Feuer.

Nicht zu beschreiben ist, was auf der Fluth Der Umstand gleich für Wirckung thut. Das Licht verschwand, der Silber-Glantz War fort. Ein falb und dämmrich grau,

Das ich nicht sonder Grausen schau, Beschattete das Wasser gantz, Vertrat des weissen Lichtes Stelle, Und machte manchen Platz

Der dunckeln Fluth, durch schwachen Gegen-Satz, Zwar dunckler mehr, doch sich nicht helle: Kalt, wiedrig, trüb’, verdrießlich, fürchterlich War alles, was vor zwo Secunden sich

In solchem Schimmer wies’, Und das so helle, fast als wie der Himmel, ließ. Mein GOTT! rieff ich darüber, ach wie bald Verändert auch der Mensch die Minen und Gestalt,

Wenn etwan nur ein Trübsals-Dufft Sein Licht der Freuden und der Wonne, Wie hier in heitrer Lufft Ein Wolcken-Dufft die Sonne,

Verhüllet und verdeckt: Jhm kocht, entfernt von Freud’ und Schertzen, Ein schwartzer Unmuth in dem Hertzen: Er weiß von keinem Freuden-Schein,

Und es ist offt nichts als ein Dunst allein, Der in so schwartze Traurigkeit, In solch empfindlichs Hertzeleid, Daß er bis auf den Tod sich kräncket,

Sein kurtz vorher so muntres Hertze sencket. Indem ich also stand und dacht, Zertheilten sich die Wolcken auf einmahl. Des Wassers Schwärtze wich, es gläntzt’ ein weisser Strahl

Fast heller, wie vorhin, auf der so trüben Fluth, Worauf nunmehr aufs neu ein heller Schimmer ruht: Es scheint, als ob sie sich im Augenblick vergülde. Wobey ich denn so an zu dencken fieng:

„es scheinet, daß auch hier die Fluth die Menschen bilde: „denn ist im Leiden und im Schertz „nicht meistens aller Menschen Hertz „ein trotzig und verzagtes Ding?

„doch ist hiebey am meisten zu bedauren, „daß offtermahl „ein bloß durch einen Dufft in uns erregtes trauren „so gar der Gottheit Allmacht-Strahl

„in unsern Wasser-weichen Seelen „vermögend sey zu tilgen, zu verhelen.

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