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1680–1747

Schnee-Betrachtung.

Barthold Heinrich Brockes

Es flog der Schnee so dick und dichte, Daß er dem schärfesten Gesichte Kaum zwanzig Schritt zu sehn erlaubt. Es schien, durch einen weissen Nebel, was sonst zu sehn

war, uns geraubt. Es waren Häuser, Bäume, Thürme und Scheunen, die erhaben stehn, Kaum durch den weiss- und regen Duft, ja öfters gar

nicht einst zu sehn. Doch, wenn man sie zuweilen sah, konnt’ ihre dunkle Schwärz und Höh' Uns von dem Nebel-gleichen Schnee,

Trotz seiner regen Schnelligkeit, Wenn er vor sie vorbey flog, eben Auf ihres Grundes Dunkelheit Die eigentlichste Bildung geben.

Man kann denselben, ohn’ Vergnügen, In reger Emsigkeit nicht fliegen Und, ohne Lust, nicht sinken sehn. Man siehet lauter lichte Theile,

In flücht’ger Schnelligkeit und Eile, Verwirret durch einander gehn. Von Osten sieht man einen Schnee-Strich, von Westen einen gegen ihn,

In einem ja so strengen Zug, aus tausend weissen Theilchen, ziehn. Man heißt es Schnee-Jagd, und mit Recht, weil alles, was man sieht, sich jäget,

Sich gleichsam stoßt, durchdringt, verfolgt, sich gleichsam drenget, preßt und schläget. Wenn man darauf die Augen lenket, Und auf das Spiel der Flocken denket,

Bald aber etwan abwerts sieht; so ist inzwischen Land und Feld, Für unsern Blick, als wie verschwunden, Und von der Fläche unsrer Welt

Wird kaum annoch die Spur gefunden. Die dick- gefallne Flocken haben Die Vorwürf’ alle fast begraben, Die Tief- und Höhen gleich gemacht,

Und was wir sonst in Tiefen und auf Höhen Für mancherley Figur gesehen, Verhüllet eine weisse Nacht. Doch dient’ die neue Augen-Weide,

In der Verändrung, uns zur Freude. An einem andern Ort hingegen, wohin der Schnee so stark nicht fiel, Sieht man für unsern Blick ein ganz verschiednes Ziel.

Dort lassen sich von Tiefen und von Höhen, Wo sie zumtheil beschneit, so vielerley Figuren Von mannigfaltgen Creaturen, Die sonst verwirrt, versteckt, und nicht zu sehen, sehn.

Es sticht sich itzo Schwarz und Weiß, Besieht es unser Blick mit Fleiß, So deutlich von einander ab, Daß es noch mehr, als sonst, mir zu bewundern gab.

Auf allen halb beschneit-halb schwarzen Zweigen Scheint gleichsam ein Gemisch von Tag und Nacht, Von Schatten und von Licht, Uns eine Dämmerung zu zeigen.

Kein Zweiglein ist so dünn und zart, Auf welchem nicht, Auf ungezählte Art, So weisses Moß, als tausend Kräuterlein,

Sieht man sie in der Näh’, zu sehen seyn. Es scheinet auch der kleinste Ast, Zumahl im hellen Glanz der Sonnen, Als wär er überall mit Silber-Drat umsponnen,

In weissem Schmelz-Werk eingefaßt. Und kurz, auch in der Winters-Zeit, Wo Gott euch nur Bequemlichkeit, Daß ihr nicht leiden dürfet, gönnet,

Sind überall, sind fern und nah Viel tausend Gegenwürfe da, Woran ihr euch vergnügen könnet. Da nun, bey diesem Schmuck, die Welt

Sich durch den Frost zugleich erneuert und erhält; So laßt uns denn, bey dieser Aendrung eben, Dem, der die Welt so wunderbar regieret, Den Dank, das Lob, das Jhm dafür gebühret,

Mit Lust, Bewunderung und Ehrfurcht geben, Uns seiner weisen Führung freuen, Und in gegründeter vergnügter Hoffnung stehn, Mit Lust zu rechter Zeit zu sehn,

Wie Erde, Luft und Fluht, Durch der bald nähern Sonnen Gluht, Mit tausend Lieblichkeit und Anmuht sich erneuen.

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