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1680–1747

Saamen-Gehäuse.

Barthold Heinrich Brockes

Abermahl ein neues Wunder der formirenden Natur! Abermahl ein neues Meer von besondern Sel- Welches alle, die es sehn, gantz auf eine neue Spur Zu der weisen Macht des Schöpfers, die gantz unerschöpf-

Und zur Andacht bringen kann, ja zur Andacht bringen So fast vor Verwundrung starr, rief ich, als mein Julius, Der mein vierter Sohn, mir jüngst etwas, so er abgepflücket, Voll Verwundrung übergab.

Dieß war eine Saamen-Hülse, recht verwunderlich Recht verwunderlich gebildet, von so seltzamer Figur, Daß ich nie dergleichen sah. Welches, da ich weiter dachte, Mich auf einen neuen Weg in das Reich der Creatur,

Und zu einer neuen Werckstatt voller neuer Wunder brachte, Wo hinein ich biß daher, leider! gar nicht hingekommen, Weil ich, durch Gewohnheit blind, nichts davon in acht Dieses war nun die Betrachtung, auf wie wunderbare

Doch der Finger der Natur so gar künstliche Gehäuse Für der Pflantzen Saamen baut. Es ist in der That nicht Ja warhaftig nicht begreiflich, und noch weniger beschreiblich Die Verändrung der Figuren, die in ihnen wunderschön,

Wann wir sie genau betrachten, und mit Ernst besehn, zu Von des Saamens Formen selber will ich jetzo nichtes Noch viel minder von dem Wesen, das, wie wenig man Jmmer der Vernunft verborgen, ein Geheimniß ist und

Sondern nur, bey der Gehäuse wunder-vollen Bildung, Es ist wahr, der Blumen Bildung, ihr verschiedliches Jhre schön-formirten Blätter, ihrer Farben Schmuck und Sind mit Recht bewunderns-wehrt: aber, zu derselben Zeit,

Da die spielende Natur solcher Wunder Lieblichkeit, Mit geschäft’gen Fingern bildet, ist sie noch auf eine Pracht, Die nicht minder künstlich ist, als die Blumen selbst, bedacht: Zum Beweis, wie an Erfindung sie so unerschöpflich reich,

Und wie ihr zu ihrer Absicht aller Stof gerecht und gleich. Seh ich, mit so vieler Müh, aus so viel verschiednen Sachen, Menschen, zu dem Schnupf-Toback, mancherley Behälter Von verschiedenen Figuren; muß ich ihrer wahrlich lachen,

Wenn ich denck’ auf wie viel Arten, von nur einem Stoff Die Behälterchen des Saamens künstlich zugerichtet seyn. Viele Saamen-Hülsen gleichen neuen Blumen, welche man Mit den ersten Blumen selber oft an Kunst vergleichen kann.

Viele gleichen kleinen Trauben; andre Sternen; viele Viele Kugeln, andre Strichen; bald Quadraten, kleinen Bald sind sie gedreht, bald lang; bald gleicht eines einer Jenes ist recht wie ein Pfeil; dort wie eines Storchen Schnabel;

Dieses zieren tausend Spitzen; dies ist rauch und jenes glatt; Das gleicht einer kleinen Blase; das ist dicke, dieses platt Und so dünn, als ein Papier; kegel-förmig, eng’ und weit, Dicht, durchsichtig, krumm und eckigt, Schnecken-förmig,

Wenn verschiedne zart und weich, sanft, gelind und bieg- Schrencken andre sich nicht nur in sehr harten Kernen ein; Sondern, wie die Dattel-Kerne, sind sie selbst ein harter Viele sieht man in dem Kelch, viele bey der Blumen Spitzen,

Andre wieder an der Wurtzel, an den Stengeln andre, sitzen. Viele sind in Kätzgen, Kolben, ja in Blätter selbst gesenckt, Diese von gefärbten Häuten, die von Blasen, eingeschrenckt. Nur allein vom Klee zu sprechen, sah ich jüngst, in einem

Von gantz unterschiednen Formen, ihrer auf die sechszig Arten, Wovon viele Kugel-förmig, andre rings-um Spitzen-reich, Viele Schmetterlingen-Flügeln, viele Schnecken-Häusern Viele voll verwirrter Stacheln, wie ein kleines Stachel-

Viele Rollen vom Toback, viele Cronen ähnlich seyn. Hier sieht man aus einer Blum’ eine nette Spitze ragen, Die sich unterwärts zertheilet, in vier halbe Cirkel krümmt, Welche recht verwunderlich, Leuchtern gleich, dazu bestimmt,

Daß sie in vier runden Kugeln zierlich ihren Saamen tragen. In verschiednen findet man, nicht ohn inniges Vergnügen, Da sie recht mit Sammt gefüttert, und aufs weichlichste Nicht allein das Saamen-Körnchen vor Gefahren wol

Sondern man sieht ihn darin, recht als wie auf Polstern, Viele, die aus Federgen, einen Schloßwerck gleich, bestehn, Siehet man, um ihren Saamen allenthalben hinzubringen, Wunderbarlich, wenn sie reif, plötzlich von einander springen.

Sie sind gleichsam recht bemüht, ihre Kinder selbst zu sä’n, Wie die Balsamina thut: ja, was mich noch mehr Und voll frölicher Verwundrung öfters in Erstaunen setzet Ist ein Blümchen, welches sich gleichsam selber Flügel schafft,

Um an manchem Ort zu blühen. Wenn die rechte Blume fällt, Wird uns gleich, aus vielen Blümchen, eine neue, dargestellt. Jeder Saam-Korn, deren man öfters über hundert findet, Träget einen zarten Stengel, der sich oberwerts verbreitet,

Und, mit gleich-getheilten Spitzen, sich in netter Ordnung Aus der Menge dieser Blümchen wird ein rundes Gantz Eine schöne weise Blume zeiget sich, zu unsrer Lust, Die uns aber, weil wir sie nicht des Ansehns würdig achten,

Und (nur Kinder ausgenommen, die sie dann und wann Nicht besehen, nicht erwegen; meistentheils nur unbewust, Ja fast wie verachtet bleibet. Wilst du sie, mein Leser, Hör! es ist die gelbe Blume, die wir Butter-Blume nennen,

Die in Wiesen häuffig blüht, und auf allen grünen Rasen; Deine Kinder haben sie oft gepflückt und weggeblasen, Da du zugesehen hast, und vermuthlich nicht entdeckt, Mit gebührender Betrachtung und mit billigem Vergnügen,

Was in dieser Blumen Bildung für ein weises Absehn steckt; Da die kleinen Saamen-Körner, durch die Zäser, Flügel Und, so bald sie reif geworden, in die Lüfte sich erheben, Durch dieselbe fortgetragen, öfters hin und wieder schweben

Und sich, auf die leichtste Weise, nach verschiednen Seiten Wo sie sich, nach kurtzer Zeit, wieder in die Erde sencken. Sage, forschendes Gemüthe, zeigt nicht diese Blum’ allein, Wie so wunderbar der Schöpfer, und wie blind wir Men-

Aber weiter fort! wir müssen von der Saamen-Schachteln Und von ihrem so verschiedlich dargestelletem Gepränge, Doch noch einige besehn. Viele gleichen schönen Knöpfen, Viele gleichen an Figur nett-gedrehten Blumen-Töpfen;

Wie ich letzters mit Vergnügen jüngst am abgeblühten Mah, Daß desselben Saamen-Hülse allerliebst gebildet, sah. Das Gehäuse, ründlich lang, fiel ein wenig spitzig ab, Welches ihm denn die Gestalt einer netten Rose gab;

Sonderlich als sich der Fuß unten etwas aufwerts beugte, Und sich oben auf der Ründ’ ein fast platter Deckel zeigte, Den ein nettes Sternchen schmückte. Dieser war nur gar Nach der größten Richtigkeit, Maaß und Zierlichkeit zu sehn.

Unter dem gestirnten Deckel waren, auf besondre Weise, Kleine Löcherchen gebohrt in vollkommen rundem Cräyse, Diese sah ich, in der Ordnung, billig mit Verwunderung an, Weil man eine weise Absicht deutlich darin finden kann.

Die bedächtliche Natur hat sie offen da gelassen, Daß der Saamen-Körner Menge, welche die Gehäuse Wenn sie reiff, nicht klumpen weise, sondern eintzeln, sich Und sich selber säen können. Wer dieß Wunderwerck erwegt

Und darin die Vor-und Absicht des Natur-Geists überlegt Muß, in Demuth, Danck und Andacht, sich des grossen Ja noch mehr wenn im Gehäus’ er die nett-gewachsne Haut, Die sie von einander sondert, in so richt’ger Ordnung schaut.

Das Hydiserum verdient gleichfals, daß man es betrachtet, Und in seines Saamens Hülse etwas wunderlichs beachtet. Sie besteht aus dreyen Cirkeln, welche voller netter Spitzen, Wodurch sie den lieben Saamen für den Biß der Würmer

Aber über mehr als alle werd’ ich für Verwundrung stumm, In Betrachtung deiner Hülsen, bläulichtes Geranium! Dieses siehet eines Storchen Schnabel, Hals’ und Kopf so Daß man fast nichts gleicher sieht. Schauet man nun dieß

Fast erstaunt, von aussen an; ists auch in sich Wunder-reich, Und die innern Theile dienen uns zur neuen Augen-Weide. Die Figur ist hinten rund und besteht aus grünen Blättern, Die sich einer Blume gleichen, von derselben sind bedeckt

Mehrentheils fünf braune Hülsen. Ein par Saamen-Kör- Recht verwunderlich verschrenckt, in der hart- und spitzen Welche, wie gesaget, braun, und woran viel tausend Spitzen, Die man gelblich, fast wie Gold, um die gantze Hülse sitzen,

Und, nicht ohn Verwundern, sie, wie sie recht verhüllet, schaut. Nimmt man solch ein trocknes Körnchen, wirft dasselbig’ So verursacht dieser Spitzen Menge, daß, bald dort bald Dieses Korn, als wenn es lebet,

Sich beweget, fast nicht ruht, und beständig gleichsam An der Körner Ober-Theil wird nun eine Spitz’ erblickt, Welche wol fünf Zolle lang, diese nun sind eingedrückt Und sehr künstlich eingefaßt in ein Stänglein, welches spitz

Und so künstlich zugerichtet, daß man es kaum glauben kann. Unten, wo der Körner Ründung, ist es etwas eingebogen, Gleich darauf sind in der Länge kleine Rieffelchen gezogen, Die sich immer vorwärts spitzen. Durch die Bildung siehet

Anders nicht als einen Speer, oder nette Lantz, es an. In den kleinen Rieffelchen (drin der Körner Spitzen passen, Die, bewunderns-wehrt, von innen mit dem allerzartsten Gleichsam ausgefüttert sind, weislich theils, theils gelb’,

Jmmer kleiner und subtiler, daß durchs Aug’ es kaum zu Bleiben diese Spitzen nicht: sondern, wenn der Saamen Und die innre kleine Stange durch die Zeit sich gnug gesteift,

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