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1680–1747

Othem-hohlen.

Barthold Heinrich Brockes

Mein GOtt, ich habe lang auf dieser Welt gelebet, Ich hab’ auch in der Welt auf deiner Wercke Mit Freuden dann und wann gedacht, Und, in Verwunderung, dich zu erhöhn gestrebet;

Allein Wie hab ich doch so unempfindlich, ja Unfühl- und folglich auch undanckbar können seyn, Für eins, das, da ichs jetzt bemercke,

Der allergrösten Wunder-Wercke Ohn allen Zweifel eins. Es ist mir dieß so nah, Als sonst fast keines ist, Es wird kein Augenblick

Von mir zurück geleget, Daß es nicht meine gantze Brust, Und zwar zugleich voll Nutz und Lust, Mit einer sanften Macht beweget.

Mein Leben selbst besteht in diesem Wunder bloß; Je mehr es mich betrift, je öfter ich es brauche, Wenn ich den Othem zieh’ und stets ihn von mir hauche. Je mehr es wunderbar und groß:

Je mehr und öfter sollt’ auch ich daran gedencken, Und dem, der es mich würdigt, mir zu schencken, Und der es mir erhält, mit recht gerührter Seelen, Lobsingen, ihn erhöhn, und auf besondre Weise,

Zu seiner Weisheit, Lieb’ und Allmacht Preise, Der Wunder Meng’ und Größ’ erwegen und erzehlen. Es ist zwar unsers Cörpers Bau, Und alles, was ich an ihm schan,

Erstaunens-würdig, wunderbar; Doch welcher Kiel und welche Zunge Ist, die das Wunder-Werck der Lunge Auf eine solche Art besunge,

Wie es die Würdigkeit, wie es derselben Wehrt Erfodert und begehrt: Jhr Wesen, ihre Lag’, ihr Ampt, ihr Nutz, den wir In unserm Cörper stets von ihr

Empfinden können und verspühren, Muß uns zu näherer Betrachtung billig führen. Wer das künstliche Gewächs unsrer Lungen recht Wird, wo er ein Mensch, sich wundern, wie es zube-

Aus viel tausend kleinen Blasen, die geschickt sind Luft zu Und sich von derselben willig aus einander dehnen lassen, Aber die, wenn jene weicht, alsbald sich zusammen ziehn, Ist ihr Wesen zugericht! und die Luft-Röhr’ liegt in ihr

Wunderbarlich eingesenckt, Und zuerst mit grossen Adern = = = aber, was beschreib ich hier? Weil man es unmöglich besser, als es Abzubilden fähig ist, und sie besser schildern kann,

Führ’ ich diese schöne Stelle, aus desselben Schriften an: „nunmehr auch zu dem andern Theile, „der sanft ums Hertz herumgelegt, „und, zu des Cörpers gröstem Heile,

„sich, wie dasselbe, stets bewegt! „die Lungen sinds, die wir verstehen, „die immer auf- und niedergehen, „und, durch dieß stetige Bemühn,

„beständig frischen Othem ziehn. „sie, gleichend einem Huf der Pferde, „doch mehr noch einer Klau der Kuh, „weh’n, als ein Blasebalg, dem Heerde

„des Hertzens Luft und Nahrung zu. „doch, da sie diesen Zweck erzielen, „so pflegen sie zugleich zu kühlen; „gleich wie, bey Titans heisser Glut,

„ein ausgespanter Fecher thut. „die Kraft, so starck sich aufzutreiben, „und unaufhörlich aufzublehn, „ist denen Bläsgen zuzuschreiben,

„woraus sie eigentlich bestehn; „als welche füglich mit den Zellen „der Bienen in Vergleich zu stellen: „wie schon Hippocrates erkannt,

„eh’ es Malpighius erfand. „aus diesen Luft-erfüllten Hölen „pflegt sich das schwärtzliche Geblüt „aufs neue gleichsam zu beseelen,

„daß es in frischem Purpur glüht. „denn wenn es matt zurücke kehret, „nachdem es jedes Glied ernähret, „so wird ihm die verlohrne Kraft

„hier wiederum herbey geschafft. „weil Hertz und Lunge nun vor allen „regenten unsers Lebens seyn; „so machen sie mit den Vasallen

„und Dienern sich nicht zu gemein. „dahero hängt vor ihrer Städte „gar eine künstliche Tapete, „die, als im alten Testament,

„das Heiligste vom Heil’gen trennt. Wobey ich zum Beschluß Noch die Betrachtung führen muß: Erwege, deinem GOtt und Schöpfer doch zur Ehre,

Wenn nur allein die Lung’ in dir nicht richtig wäre, Wie elend würde doch dein armes Leben seyn! Ein jeder Augenblick würd’ immer neue Pein, Mit Husten, Keichen, Seiten-Stechen,

In deiner fast zerfleischten Brust, Die voller Schleim und Wust, Als wenn sie immer wolte brechen, Erregen; da du jetzt, wenn du’s erwegst, mit Lust

Den Athen in dich ziehst, dein heisses Blut erfrischest, Der Luft gesunde Theil’ in deinem Cörper mischest, Und frölich leben kannst; wenn du nur selber wilt Die Kräfte deiner Seel’ auf dieses Wunder lencken,

Und, daß du sanfte lebst, Beym sanften Athen-ziehn, Doch öfters als du thust, bemüht bist zu bedencken. Ach mögten wir dieß Wunder oft betrachten

Und, wie es in der That, es für ein Wunder achten, So würden wir bey jedem Athem-ziehn, Dem grossen GOtt zu dancken uns bemühn, Und uns zu gleicher Zeit bestreben,

In unsrer Lust zu seiner Ehr’ zu leben!

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