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1680–1747

Nützliche Ungewißheit.

Barthold Heinrich Brockes

Nebst andern war ich jüngst, der alten Weisen Lehren, Wie sie des weisen Den man mit Recht die Zierde Hamburgs heist, Durch seine Lehrlinge ließ öffentlich erklären,

Beschäftiget gewesen anzuhören. Wie ich mich nun darauf allein befand; Was ich von ihm gehört, bedächtlich überlegte, Und in gelassner Still’ erwegte

Die Mannigfaltigkeit der Grillen, Die stets den menschlichen Verstand Vor dem erfüllt, und noch erfüllen; Befiel mich eine Traurigkeit,

Und drengte die verworrenen Gedancken, Mit einer schwartzen Last, aus ihren Schrancken; Ich fühlt’ ein wahres Hertzeleid. Das gantze menschliche Geschlecht

Kam mir bejammerns-wehrt, und recht Erbarmung-würdig für. Wir scheinen nichtes recht zu fassen, Wir scheinen all dem Jrrthum überlassen,

Der uns beständig äfft, Da, von den Meynungen, die gantz verschiedlich scheinen, Von welchen von der weisen Schar, Die Hälfte, daß sie wahr und klar;

Die andre, daß sie falsch und dunckel wären; meynen, Oft all’, und dennoch keine wahr. Mir fiel hierüber ein: Es täuscht auch mich vielleicht ein falscher Schein.

Ich kann ein Ding unmöglich wahrer halten, Als jeder von den Alten Dasjenige, was er geglaubt, für wahr, Für deutlich angesehn und überzeuglich klar;

Ob sie gleich allesammt geirrt, Und sich einander selbst verwirrt. Nun sind sie weise ja, im hohen Grad, gewesen, Wovon wir Proben gnug in ihren Schriften lesen:

Was überzeugt denn mich, daß ich nicht irren könne, Und daß ich gleichfals mich nicht von der Wahrheit trenne? Ja, daß die Nachwelt uns, daß wir in Jrthum stecken, Wie wir der Vorwelt es gezeigt, einst wird entdecken?

Der Zweiffel löst sich bald: Wir wissen, Daß unser Wissen nichts, als Stückwerck sey; Und wir daher, wie billig Nechst diesem steckt hierin noch zweyerley:

Die Ungewißheit aller Sachen, Besinnen wir uns recht, Soll billig gegen GOtt uns ehrerbietig machen, Und voll Verträglichkeit fürs menschliche Geschlecht.

Erkennet man, daß man nichts weiß; Gereicht es ja zu GOttes Preis, Weil man bey ihm allein die wahre Weißheit findet. Das andre, welches auch in der Erkänntniß steckt,

Ist, daß, da man der Menschen Schwäch’ entdeckt; Zur Nächsten-Lieb’ uns der Begriff verbindet: Denn soll mein Nächster sich mit meiner Schwachheit plagen; Warum will ich die seine nicht vertragen?

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