Liebster Mensch, gebrauche doch den erforschenden Verstand! Nimm nur einst von einer Bluhme eine Zwiebel in die Schau sie an! Sprich, kannst du wol die verborgne Krafft Und den unbekannten Geist, der darin verborgen, finden?
Von sich selber scheint sie schwanger, sie empfängt auch Ein recht Wunder-schönes Kind; da sie selbst doch äusserlich Aller Schönheit, Form und Farben fast beraubet. Nichts Welche Schuppen-weise sitzet, wird an ihr von uns ge-
Und doch ist in ihr verborgen, und zwar in so engem Platz, Ein nicht gnug zu schätzender und bewunderns wehrter Von Geruch, von Farb’ und Schönheit. Kann wol aus Jemand solche schöne Arbeit, ausser einer Gottheit, machen?
Wer ist, der nicht erstaunt, wann er mit Ernst be- Daß die bewegende, die bildende Natur Solch auserlesene vollkommene Figur, Gantz sonder Hand, formir’t; wie sie die Zäser lencket,
So Kunst-reich, sonder Kunst, und, ohne Regel, recht. Welch ein unsichtbarer Euclides stellt sich mir In diesem Wunder-Bau der Samen-Zwiebel für! Der nach so netter Maaß sein künstlich Werck bezirckt,
Und der, nach Linien, so nicht verhanden, wirckt. Dieß führet uns gewiß viel tieffer, als es scheinet. Es zeigt uns eine Krafft, die gantz auf andre Weise, Zu des allmächtigen Lieb-reichen Schöpfers Preise,
Verfährt und wirckt, als wir. Wir werden überführet, Daß, vor der unsrigen, ihr weit der Preis gebühret. Wir thun dadurch zugleich In der beschäfftigten Natur
Sonst unerkanntes Reich Gar einen scharffen Blick. Wir kommen auf die Spur, Daß wir uns künfftighin nicht mehr so sehr vergessen, Und alle Kräffte bloß nach unserm Leisten messen.
Es ist vielmehr, was Menschen hier verrichten, Allein nur eine Art von Kräfften, der die Welt Vielleicht viel tausend in sich hält, Und kann die unsrige mit nichten
Der andern Richtschnur seyn. Was der Menschen Seele wircket, heisst man Kunst, Sie von dem, was die Natur wirckt, bereitet, ziert und Als wenn, sonder alle Kunst, sonder Zweck, ein Ungefehr
Von den Wercken der Natur bloß ein blinder Leiter wär. Dieser vorgefasste Wahn schadet uns mehr, als man meinet, Weil dadurch der Mensch allein künstlich und vernünftig So daß er, fast eifersüchtig, kaum mit gutem Auge sieht,
Wann die bildende Natur, sonder ihn, was künstlichs zieht. Armer Mensch! erwege doch, daß du selbst, samt deiner Seyst von der Natur gebildet. Daß bereits im Mutter- Jhre Kunst dir deine gab.
Zieh dich von dem eitlen Ehr-Geitz doch mit allen Kräff- Brauche deiner Seelen Kräffte, GOttes Wunder anzusehn, Und dadurch, in deiner Freude, Seine Weisheit zu erhöhn. Auf die Weise opferst du Dem, von Dem du alles hast,
Deiner Seelen schönste Frucht, Danck, Erkentlichkeit und Andacht, Ehr-Furcht, einen Willen, Seinen Willen zu erfüllen. Da wir sonst, als hätten wir alles von uns selber, leben,
Und, nur bloß auf uns erpicht, uns nur zn vergöttern,
Cookies on Poetry Cove