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1680–1747

Mannichfaltige Frühlings- Freude.

Barthold Heinrich Brockes

Liebster GOTT! wie bunt, wie schön, Wie so lieblich, klar und helle Ist anjetzo jede Stelle Auf dem Welt-Kreiß anzusehn!

Wie so heiter, licht und rein Ist des güldnen Morgens Schein, Der das Firmament erfüllet! Wie so eben, glatt und flach

Ist der Binsen-reiche Bach, Welcher dort in Bluhmen quillet, Recht als ein polierter Spiegel! Seht, wie funckeln dort die Hügel!

Schaut, die Segens-reiche Felder, Wie sie dort das Laub der Wälder Als mit einem Krantz bekräntzen! Seht, wie dorten Kraut und Gras

Vom gefallnen Nacht-Thau naß, Recht als Edelsteine gläntzen! Durch der Bluhmen bunte Pracht, Wann auf sie die Sonne strahlet,

Und so tausend-färbig mahlet, Werd ich gleichsam angelacht. Doch vor allen andern schien, Recht mit Farben von Rubin,

Das geschmückte Heer der Rosen Aug’ und Nase liebzukosen. In der aufgeklärten Lufft Schwebt ein angewürtzter Dufft,

Den wir mit den schärfsten Augen, Nicht zu sehn, nicht zu entdecken, Doch zu riechen und zu schmecken, Und ihn so zu mercken taugen:

Tausend, Tausend, Tausend Arten, Aus dem Feld und aus dem Garten, Die, aus Bluhmen, Kräutern, Büschen, Wunderbarlich sich vermischen,

Suchen ein draufmerckend Hertz, Zu erquicken, zu erfrischen. Auch die stärckste Specerey Kann so holde Lieblichkeiten

Dem Gehirn nicht zubereiten, Als das frisch-gemachte Heu. Wenn desselben Süssigkeit, Mit dem Dufft bethauter Bluhmen,

In der Lufft zusammen fliesset, Und man dies Gemisch geniesset; Ist der Balsam aus Jdumen Nicht so lieblich, nicht so schön.

Mögt uns solche Eigenschafft, Und die angenehme Krafft, GoTT zum Ruhm, zu Hertzen gehn! Mögten wir uns doch ergetzen

An den unsichtbaren Schätzen, Die der Lüffte weiten Kreiß Mit so raren Kräfften füllen! Mögte doch aus unsrer Brust

Auch ein Balsam reiner Lust, Unserm GOTT zu Ehren, quillen! Mögte doch durch so viel Güte, Durch so mancher Schönheit Schein,

Unser aufgeweckt Gemüthe, GoTT zu Ehren, frölich seyn! Fach’te doch des Schöpfers Liebe, Die man sehn und fühlen kann,

Holder Gegen-Liebe Triebe In der Menschen Seelen an! Ach! bewundert in der Pracht Solcher schönen Creaturen,

Die so offenbahre Spuhren Seiner Weisheit, Seiner Macht! Wenn nur einmahl solche Lust, Die aus GOTTES Wercken quillet,

Eine Danck-begierge Brust, Jhrer Quell zum Ruhm, erfüllet; Wird, aus solchem edlen Saamen, Bald der Sehnsucht Frucht entstehn,

Nicht nur Seinen grossen Nahmen, Nach Vermögen, zu erhöhn; Sondern man wird angetrieben, Und von Andacht brünstig werden,

Ueber alles was auf Erden, GoTT aufs zärtlichste zu lieben. Sollte die Beschaffenheit Einer solchen Zärtlichkeit,

Von Vertrauen angeflammet, Die aus GOTTES Wundern stammet, Und nur GOTT zum Endzweck hat, Unsern GOTT für andern allen

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