Skip to content
1680–1747

Mancherley Vorwürffe der Sinnen.

Barthold Heinrich Brockes

Jm Garten hört ich jüngst den süß'- und scharffen Schall Der feurig schlagenden verliebten Nachtigall. Ich ward dadurch gerührt, gereitzt, ergetzet Und, durch den reinen Klang, fast aus mir selbst gesetzet.

Ich horcht’ aufmercksam zu, wie lieblich, süß und hell, Wie scharf, wie rein, wie rund, wie hohl, wie tief, wie Sie Stimm’ und Ton formirt, verändert, theilet, fügt, Und, durch unzähliche Verändrung, uns vergnügt.

Oft weiß sie Schnarren, Flöten, Zischen, In unbegreiflicher Geschwindigkeit, zu mischen. Oft fängt sie einen Ton mit hellem Flöten an, Fällt in ein Zwitschern, schlägt, lockt, winselt, jauch-

Und alles fast zugleich: oft bricht sie ihn, oft dehnt, Oft drehet sie den Ton, oft wirbelt sie den Klang, Und ändert tausendfach den frölichen Gesang. Indem ich nun, bey einer dicken Hecken,

Zu Ende der bewachsenen Allee, In dem Erblick ich ungefehr an einer Ecken Ein gleichsam buntes Licht. Es legte mir,

In einer mehr als güldnen Zier, Ja, die sich von Smaragd, Sapphier Und anderm Edelstein kaum unterscheidet, Ein über-wunder-schöner Pfan,

In prächtigen Talar von güldnem Stück gekleidet, Der Federn bunten Glantz und Herrlichkeit zur Schau. Ich stutzt’ und meine Seel’ empfand, wie diese Pracht Sie auch durchs

Für Anmuth halb verwirrt, fiel mir hierüber bey: Wie doch in der Natur so mancherley Veränderung und Pracht, an Lust und Schönheit, sey. Man spürt es sonderlich an diesem Vögel-Par.

Ein unsern Geist bezaubernd Singen Läßt von der gantzen Vögel-Schar Der Unansehnlichste, zu unsrer Lust, erklingen; Und ein verdrießliches und rauh Geschrey erschallt

Aus eines Vogels Hals, der Himmlisch an Gestalt Fast mehr, als irdisch, ist. Diß kan ein Beyspiel seyn, Dacht ich, daß einer alle Gaben Nicht leichtlich soll beysammen haben.

Kaum aber hatt ich dieß gedacht, Als mir, in Purpur-farbner Pracht, Ein frischer Rosen-Busch schnell in die Augen fiel. Der aber ward nicht nur allein der

Er ward auch des Die beide sich daran recht zu ergetzen taugen. Wodurch ich denn, mit Uberzeugung, fand, Wie eine doppelte vergnügend’ Eigenschaft,

In dieser Blume, sich, zu unsrer Lust, verband. Dem Dencken gab ich ferner Raum, Und fand von ungefehr an einem Kirschen Baum, Der eben, voller Frucht, in süsser Röthe glühte,

Daß er so gar Ein Gegenwurf von allen Sinnen war. Es dienet dem Der

Sein sanft Geräusch dem Ich ward hiedurch aufs neu gerührt, Und ferner so zu dencken angeführt: Wer kann des Schöpfers Huld genug zu rühmen

Da er nicht nur in unserm Leben, In den fünf Sinnen, uns, zu so verschiedner Lust, Verschiedne Thür- und Oefnungen gegeben; Da er nicht nur, zur Anmuth unsrer Brust,

Solch’ eine Cörper-Meng, und Millionen Sachen Zum Gegenwurf der Sinnen wollen machen; Da er so gar verschiedne Cörper schaft, Die, mit so wunderbar vereinter Kraft,

Nicht nur durch einen Sinn uns in Vergnügen Nein, durch verschiedene, ja gar durch all’ ergetzen. Ach, laßt uns denn hierdurch aufs neu’ in seinen Wercken Die Proben seiner Macht und weisen Liebe mercken!

Ach, lasst zu seinen heil’gen Ehren, Bey stets vermehrter Huld, auch unsern Danck sich mehren!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Mancherley Vorwürffe der Sinnen. · Barthold Heinrich Brockes · Poetry Cove