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1680–1747

Macht des Aberglaubens.

Barthold Heinrich Brockes

Ich las in einer Reis-Beschreibung erstaunet jüngst, daß, auf der Erden, Gewisse Völker sollen seyn, Die bey dem frühen Sonnenschein, Mit laut-und eifrigem Gebeth, und mit andächtigen Gebehrden,

Die Hände gegen sie erheben, Und sich, in einer solchen Stellung, in einen tiefen Strom begeben, Den gräuliche, gefräßige, und blutbegierge Crocodillen, In großer Meng, erfüllen,

In Hoffnung, durch derselben Rachen, Sich einen Weg ins Paradies zu machen. Ob nun der Autor dieses Buchs die That, mit einem kal- Für Grillen schilt: Fand ich mich doch, durch dieß Betragen,

Und zwar dadurch um desto mehr, als dieser Menschen heilge In einem schönen Kupferstück, womit dasselbe Buch geziert, Sehr deutlich vorgestellet war. Ich sah das schöne Sonnenlicht Am Horizont, mit vielen Stralen,

Den Himmel, und zugleich den Fluß im Wiederschein, recht Ich sahe ganze Heerden Menschen andächtige Gebehrden zeigen, Und, mit erhabnen Aug-und Händen, in das fatale Wasser steigen, Woraus bald hier, bald da, bald dort erschrecklich häßliche

Von Crocodill-und Wasser-Drachen, mit aufgesperrten Ra- Die unglückseligen Vergnügte, die sich mit Fleiß zu ihnen drungen, Bald hie bald dort ergrimmt ergriffen, zerfleischt-zerquetschten Durch diesen Anblick fast erstarrt, empfand ich schreckende Jdeen

In meiner aufgebrachten Seele, mit Mitleid untermischt, ent- So daß ein tief gehohlter Seufzer aus meiner Brust voll Und ich, mit einem heilgen Gram erfüllet, zu mir selber sprach: O Gott! du Schöpfer aller Dinge, unendlichs All! voll-

Selbständig ewge Lieb! o Vater von allem, was da Kinder heißt! Der du die innern Triebe siehst, die Absicht weißt, den Zweck Von diesen irrenden Geschöpfen, die Menschen sind, so wohl Da sie ganz überzeuglich glauben, und sich versichern, daß sie dich,

Mit ihres eignen Leibes Opfer, versöhnen und dich ehren können, Wenn sie, voll Hoffnung, unverzagt, dem schwarzen Tod in Ra- Wie unerforscht ist dein Gericht, wie unbegreiflich sind die Wege, Die du mit diesen Menschen gehst.

Ich zittere, wenn ich mit Ernst, auf welche Weise solche That, Die so viel Finsterniß und Blindheit, als Lieb und Eifer, in Von dir gerichtet werden wird, nach jedem Umstand überlege, Und stell in tief gebückter Demuth, o ewge Weisheit, dir allein

Und deiner ewgen Lieb anheim, wie sie vor dir gerichtet seyn. Nur wend ich mich, um diesen Eifer, im Gottesdienst, mit dem, Darin bezeugen, zu vergleichen. Ich stutz und ich erstaune Die Menschen, die in solcher Blindheit und dicksten Finsternissen

Die lassen eine solche Sucht, der Gottheit zu gefallen, sehn, Ein solches brennendes Verlangen, und solch ein feuriges Be- Mit dem sich wieder zu vereinen, aus dem sie glauben zu Wir aber, die wir uns im Licht und mitten in der heilgen

Des Evangelii befinden, betragen uns in unsrer Wahrheit, Dem äusserlichen Ansehn nach, nicht anders, als wenn unsre Ein Unglaub, und der andern Unglaub ein recht-und wahrer Man kann, aus dieser Handlung, noch ein überzeuglich Bey-

Zu welchen irrigen Jdeen der Menschen Seelen sich bequemen, Wenn ihnen etwas in der Jugend, und ehe sie zum Denken Als Wahrheit vorgestellet wird. Man nimmt so Wahr-als Und beydes klebt so fest an uns, daß man sich nicht befreyen kann,

So lange man hier lebt, es sey die Meynung närrisch oder

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