In einem angenehmen Wäldchen, im Schatten einer dichten Linden, Worunter ich zum öftern Ruh, in stiller Anmuht, pflag zu finden,
Setzt’ ich mich auf ein grünes Plätzchen in junges, dicht- und frisches Gras, Woselbst ich anfangs zwar ein Buch, mit innigem Vergnü- gen, las;
Allein, es rief das grüne Prangen des Grases, das den schönsten Sammt, Wie Diamant das Glas beschämet, zumahl, wenn oft bald hier bald dort
Der Sonnen Strahl, durch dunkle Schatten der Zweige, brach, an manchem Ort, Auf tausendfach gefärbte Stellen, in unterschiednen Lichtern flammt,
Mich aus dem Buch auf seinen Schmuck. Es schien mich zu sich hin zu winken. Dem Wink konnt’ ich nicht widersteh’n, Ich ließ das Buch gemählig sinken,
Um seine Schönheit zu beseh’n. Mein GOtt! wie vielerley Figuren! welch’ eine Form- und Farben-Menge Brach aus den Kräutern, Gras und Klee, allein im grünen
Schmuck, hervor! Es huben die gefärbten Häupter, in einem wirklichen Ge- dränge, Nebst ihnen auch viel tausend Bluhmen, recht gleichsam in
die Wett' empor. Es schien, ob sucht’ in Kraut und Bluhmen, im grünen und im bunten Schein, Bald das vor diesen, dieses bald vor das, zuerst gesehn zu
seyn. Ich sah’ zuerst den holden Klee in seiner dichten Lieblichkeit, Da, vor der Menge, kaum ein Blatt sich aus einander breiten kann.
Dieß zeigte mir, von ihrer Zeichnung, unzählige Verschie- denheit, Da sie bald Seiten-werts gedrängt, bald offen, bald gefaltet sitzen.
Durch ihre lieblich- runden Blätter sieht man sich öfters kleine Spitzen, Von zart- und feinem Grase, stechen, das denn im Gegensatz die Pracht,
Die allen Schmelz weit übergeht, um desto angenehmer macht. Zumahl, wenn zwischen ihrem Schmuck die liebliche Vergiß mein nicht,
In ihrem Himmel-blauen Glanz, mit Gold geziert, als wie ein Licht, Von einem spielenden Sapphir, durch schimmernde Sma- ragden bricht.
Es scheint, man wird von unsrer Mutter, der Erd’, in dieser holden Pracht, Annoch vor vielen andern Orten, auf solchen Stellen ange- lacht.
Ich sah’, von Farben und Figur ganz unterschieden, noch bey ihnen, Auf ungezählte Art geformt, viel ungezählte Kräuter grünen,
Und in derselben schönen Schooß so hell- gefärbte Bluhmen blüh'n, Daß sie in ihrem bunten Glanz, wie Feur, fast minder blüh’n als glüh'n.
Es nahm der Bluhmen bunter Schimmer, und aller Kräuter grüner Schein, Wie ich sie öfters übersahe, mit einem solchen Reiz mich ein, Daß ich aufs menschliche Betragen, da wir oft blind vor ihrer
Pracht, Sie nicht bewundern, ja kaum sehen, mit Recht verdrüßlich, aufgebracht, Und, durch die Unaufmerksamkeit, mit Recht gerührt, wie
folget, dacht': Jhr schätzet hoch, ihr preis’t, ihr rühmt Geschnitt’nen Sammt, der schön geblühmt, Und ihr habt Recht, die Kunst zu preisen;
Allein, den noch viel schönern Sammt, (der im smaragdnen Glanze flammt, Den euch die schönen Wiesen weisen, Auf welchen, tausend mahl so schön,
Lebendige Figuren steh’n, Von Blättern, Kräutern und von Ranken, Worauf bepurpert und vergüldet, Von Fingern der Natur gebildet,
Der Bluhmen Urbild selbst zu seh’n,) Den würdigt ihr nicht der Gedanken. Wie schön sonst immer die Copie, So wird dennoch weit mehr, als sie,
Ein schönes Urbild stets geschätzet. Wie, daß ihr Menschen euch denn nie Am Urbild der Natur ergetzet, Da ihr doch selber müßt gesteh’n,
Jhr herrliches Original Sey tausend, tausend, tausend mahl So nett, so zierlich, und so schön. Sind etwan eure Künste grösser?
Ist etwan die Natur nicht wehrt, Da doch ihr Werk unstreitig besser, Daß ihr selbst GOtt in ihr verehrt? Es ist wahrhaftig wahr, wenn ihr
Der Bluhmen und des Grases Zier Mit Lust und Andacht nicht betrachtet, Daß ihr des Schöpfers Werk verachtet.
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