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1680–1747

Jrrthum der Eigen-Liebe.

Barthold Heinrich Brockes

Ach; wenn du, lieber Mensch, einst in dich gehen, Und recht mit Ernst die eigenen Jdeen, Die von der Gottheit du dir machst, betrachten wolltest; Wir würden, wenn du sie uns recht erklären solltest,

Vermuthlich anders nichts in ihnen sehen, Als ein Ehr-würdig Bild von einem alten Mann, Der groß und mächtig ist, in und nach diesem Leben, Glück und den Himmel dir zu geben;

Und der dich auch verdammen kann. Viel weiter geht man nicht. Hieraus nun folget klar: Wenn nichts alhier von GOTT für dich Zu hoffen und zu fürchten wäre,

Erzeigtest du wol sicherlich Der wahren Gottheit wenig Ehre. Ist also das, was dich zum GOTTES-Dienste triebe, Wenn man es untersucht, nur Eigen-Liebe.

Wir bitten meist, daß GOTT, in dieser Zeit, Uns Brodt und gute Tage gebe, Und daß man dort in Ewigkeit, Frey von der Höllen, seelig lebe.

Einfolglich ist es leider mehr als wahr, Daß Eigen-Nutz und Eigen-Lieb’ allein Die Stützen deiner Andacht seyn. Warüm betrachtest du das, was durch GOtt geschicht,

In seinen Wundern nicht? Warüm willt du in Seinen Wercken Nicht Seine Liebe, Macht und Weisheit mercken? Und warüm betest du Den, welcher alles kann,

Den, welcher alles wirckt, Den, welcher alles liebet, Den, welcher allen alles giebet, In heiliger Bewunderung nicht an? Erinnre dich, wie schön,

Vom Mißbrauch GOTT zu lieben, Wie wir schon einst gezeigt, so gar ein Türck geschrieben: Ein grosses Frauen-Mensch, die in der rechten Hand Ein brennend Feuer trug, und Wasser in der andern.

Gefragt: Zu welchem Zweck? Sprach sie: der Höllen Brand Lösch ich mit dieser Fluth: Und mit des Feuers Gluht Will ich das Paradis verbrennen und verheeren,

Daß keiner GOTT aus Furcht, noch üm Belohnung eh- ren; Nein, bloß üm Seiner selbst allein Jhn lieben mag, und Jhm ergeben seyn. Du sprichst vielleicht, daß ich mit Unrecht hier

Der Eigen-Liebe Trieb verdamme; Da, aus der nützlichen Begier, Uns zu erhalten, dir und mir Doch so viel nützliches und gutes stamme;

Ja daß dieselbige nicht nur Uns von der gütigen Natur In unser Blut uud Hertz gesencket; Nein, daß so gar, wenn man es recht bedencket,

Des Schöpfers Ehre selbst mit ihr vereint: Da man von Jhm nichts Gutes wünschen kann, Ohn’ daß man nicht von Jhm zu gleicher Zeit auch meint, Er habe Macht und Weisheit, iederman

Zu helffen, wenn es Jhm gefällt. Du fährst vielleicht noch fort, und sprichst, daß in der Die ich dem Schöpfer dieser Welt, In den Betrachtungen von Seinen Wundern, weih’,

Nicht minder Eigen-Liebe sey. Du zweifelst noch wol gar, obs eine Ehre wäre, Des Schöpfers Wercke zu betrachten: So dien ich dir hierauf, und bitte, drauf zu achten.

Ich tadele den Trieb der Eigen-Liebe nicht, Und ich versencke mich ins Boden-lose Meer Der Mystischen Vernunft so blind nicht, wie du meinest. Ich glaube nicht, wie du von mir zu glauben scheinest,

Als ob es nicht erlaubet wär’, An das uns selbst von GOTT geschenckte Wesen Nur im geringsten zu gedencken. Ach nein! es kann gar wol zusammen stehn,

Des Schöpfers Creatur bewundernd anzusehn, Und auch zugleich für uns die Gottheit anzuflehn, Und alle Hoffnung bloß auf Jhn allein zu lencken, Als worin Er zugleich mit wird verehrt.

Allein, der Seelen Krafft so gar auf uns zu lencken, Daß wir des Schöpfers nicht, als uns zum Nutz, gedencken, Zeigt wenig Menschlichkeit, und heisst fürwahr geheuchelt. Ein Hund der hungrig ist, und seinem Herren schmeichelt,

Verrehret ihn ja nicht: er sucht für seinen Magen Nur bloß die Kost durch schmeicheln zu erjagen. Um weiter nun zu gehn, so meinest du, Daß in Bewunderung der schönen Creaturen

Auch klare Spuren Der Eigen-Liebe stecken: So geb ich dieses dir, ja noch ein mehres, zu. Daß nemlich eigentlich die Triebe

Von einer wahren GOTTES-Liebe Sich selber im Geschöpf’ entdecken. Da GOTT der Menschen Lust mit Seiner Ehr verbindet, Und Seinen Ruhm, (o Lieb!) in unsrer Freude findet.

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