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1680–1747

Iv. Der Geschmack.

Barthold Heinrich Brockes

Da wir dieses Sinnes Gaben Auch betrachtet, werden wir Den Geschmack zu prüfen haben, Drin ich neue Wunder spür,

Die nichts minder sind, wie jene. Denn der Mund, die Zung’ und Zähne, Gaum und Lippen, Käl’ und Schlund Machen selt’ne Sachen kund.

In der regen Zunge stecket Eine Kraft, so wunderbar, Weil sie fület, redet, schmecket, Rauh und glatt ist, ja so gar

Sich auf tausend Ahrten reget, Sauget, lecket, Speichel heget. Gott hat sie, wie man es spür’t, Recht verwunderlich formir’t.

Auswärts trifft man mit Ergetzen Kleine spitze Wärzgen an, Welche sich im Speichel netzen, Der durch sie leicht schäumen kann.

Wenn nun die, sich zu erfrischen, Speisen mit dem Speichel mischen, Fül’t die Sel’ es gar geschwind, Weil es lauter Nervgen sind.

Der zerkäuten Speise Teile Sind teils glatt, gelind’ und rund, Teils recht spitz wie kleine Pfeile, Wodurch, wann sie Zung’ und Mund

Mit verschied’ner Schärfe rühren, Wir was saur- und herbes spüren, Da, was rund, was weich und leicht, Uns hingegen süsse deucht.

Ungeschmackt sind alle Sachen, Die zu flüssig und zu fest, Weil sie keinen Eindruck machen, Da sich dieß nicht lösen lässt,

Und das feuchte kein Bewegen In den Nerven kann erregen; Aber Salz schmeckt allen wol, Weil es zarter Spitzen voll.

Daß die innerlichen Flammen Uns nicht tödten vor der Zeit, Zieht sich in den Mund zusammen Eine laue Feuchtigkeit,

Welche diese Hitze lindert, Und die heisse Brunst vermindert, Daß des Menschen flüssigs Blut Nicht gerinne von der Gluht.

In des Mundes Purpur-Höle, Die das Par der Lippen schliess’t, Zeiget sich die kluge Sele, Die in süsse Worte fliess’t,

Und in diesen engen Schranken Nemen geistige Gedanken, Wenn wir reden, Cörper an; Daß man sie begreifen kann.

Wer erstaunt nicht, wenn er denket, Wie der Zunge Fertigkeit Sich auf tausend Ahrten lenket, Um der Selen Unterscheid

Wunder-würdig zu formiren, Daß von andern auch zu spüren, Wie, was hier der Geist gedacht, Cörperlich wird kund gemacht?

Glied, das uns durch sein Erzälen Fremde Geister einverleibt, Rege Feder uns’rer Selen, Die mit lauten Schriften schreibt,

Der Gedanken Zaum und Riegel, Wunder-Pinsel, Göttlichs Siegel, Das, was unsre Sele heg’t, Andern in die Sele präg’t!

Merket, wie sie sich zu regen, Und zum sprechen fertig sey, Wenn zehn Muskeln sie bewegen, Deren immer zwey und zwey

Hinter, vor, zu beyden Seiten, Auf- und niederwärts sie leiten, Und ein angewachs’ner Zaum Lässt ihr nicht zu weiten Raum.

Dieses Glied recht zu bewahren, Hat es die Natur versehn, Daß stets, wie geharn’schte Scharen, Rings um sie die Zähne stehn.

Diese kleine Marmor-Klippen Decken wiederum die Lippen, Unter deren Schutz’ und Hut Uns’re Zung’ auf Polstern ruht.

An der Zung’ ist noch zu preisen, Daß derselben rege Kraft Uns in so viel tausend Speisen Tausendfache Lust verschafft.

Sie kann durch ihr forschend Schmecken Solch Vergnügen uns erwecken, Daß so gar der Geist verspür’t, Wie ein süsser Trieb ihn rührt.

Herbe sind nicht reife Früchte; Säurlich-süß ist guter Wein; Bitter-süß sind viele Früchte, Die Oliven ähnlich seyn;

Saur sind Saurampf und Citronen; Süß hingegen sind Melonen, Honig, Zucker, Milch und Most. Mark und Oel sind fette Kost.

Wo uns eine Sach’ auf Erden Unsers Schöpfers Liebe weis’t, Ist es, da verbunden werden (wenn sich unser Cörper speis’t)

Mit der Not so süsse Lüste. Wenn man ekelnd speisen müste; Würd’ es, wie wir gern gestehn, Nie zu rechter Zeit geschehn.

Was die unverdross’nen Bienen Und was der verbrannte Mor Zieh’n aus Rosen und Jesminen Und Maderens Zucker-Ror,

Alle Süssigkeit der Reben Wär der Welt umsonst gegeben, Schmeckte nicht der Zungen Kraft Jedes Dinges Eigenschaft.

Mensch, erwäge doch und merke, Wenn dein Mund was gutes schmeckt, Deines Schöpfers Wunder-Werke! Was darin für Weisheit steckt,

Ist nicht leichtlich zu ermessen, Da Er nicht nur in das Essen Und in alles, was uns tränkt, So verschied’nen Saft gesenkt;

Sondern auch in deinem Munde Gaum und Zunge so gemacht, Daß, recht eben in dem Schlunde, Wenn man es genau betracht’t,

Uns die Speis’ erst Anmut bringet, Eben wenn man’s nieder schlinget; Ist demnach, mehr als man meint, Narung, Nutz und Lust vereint.

Denke doch, wenn Schmerz und Fieber Uns in Blut und Adern steckt, Wie erbärmlich uns darüber, Was man isst und trinket, schmeckt!

Muß der Ekel vor den Speisen Uns nicht augenscheinlich weisen, Daß man nie sein Glück ermisst, Wenn uns schmecket, was man isst?

Ew’ge Liebe, sey gepriesen, Dir sey Ehre, Lob und Dank, Da Du solche Huld gewiesen Jm Geschmack, in Speis’ und Trank!

Gib, daß wir, so oft wir essen, Deine Wunder-Kraft ermessen, Die uns nicht nur Kost bescher’t, Sondern auch mit Lust uns när’t.

Sprich, verwildertes Gemüte, Kommt die Zung’ auch ungefehr, Oder aus der Macht und Güte Eines weisen Wesens her?

Sprich: verdienen solche Werke Nicht so viel, daß man sie merke? Wers Geschöpfe nicht betracht’t, Schändet seines Schöpfers Macht.

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