Da wir also auch besehen Des Geruchs Beschaffenheit; Wollen wir nun weiter gehen, Und uns mit Aufmerksamkeit
Zu dem dritten Sinne kehren, Auch vom Hören was zu hören, Dessen Nutz und Eigenschaft Von verwunderlicher Kraft.
Die Natur hat unsern Ohren, Wie uns die Erfahrung zeig’t, Einen hohen Sitz erkoren, Weil der Ton stets aufwärts steig’t,
Der, gezeug’t von stoss- und schlagen, Durch die Luft wird fort getragen, Die in Kreisen sich beweg’t, Als wenn man ein Wasser reg’t.
Wenn nun diese regen Kreise Sich erstrecken bis ans Ohr; Dringen sie auf selt’ne Weise Durch das nie gespärrte Thor,
Wodurch sie sich selber führen, Bis sie an ein Häutgen rühren, Das daselbst, wie eine Wand, Die da tönet, ausgespann’t.
Dieses scheint zwar fest und dichte, Als ob das geringste Loch Auch vom schärfesten Gesichte Nicht darin zu sehn; dennoch
Hat sichs offenbar gezeiget, Daß sich lebend Silber seiget, Und, wenn mans darüber giesst, Es dadurch gar leichtlich fliesst.
Wann der Ton sich hier gebrochen Und gereinigt, wird gespür’t, Daß er drauf drey kleine Knochen, Die sehr künstlich sind, berührt.
Denn in dieser kleinen Kammer Hängt ein Amboß und ein Hammer, Und der dritte gleichet bald Einem Stegreif an Gestalt.
Wann der Ton nun hieher kommen, Wird er von der innern Luft Augenblicklich aufgenommen, Und in manche Höl’ und Kluft,
Durch verschied’ne Gäng’ und Stege, Labyrinthen, krumme Wege, Die hier die Natur gemacht, In ein Schnecken-Haus gebracht.
Darin kann er noch nicht bleiben, Sondern wird heraus geführt, Und lässt sich noch weiter treiben, Bis er an ein Nervgen rührt;
Welches, ob es gleich so dünne Als der Faden einer Spinne, Doch den Ton, durch den es kling’t, In den Sitz der Sinne bring’t.
Hier bey dieser kleinen Sehnen Soll man mit Verwund’rung sehn, Wie viel Aest’ aus ihr sich dehnen, Ja den ganzen Leib durchgehn,
Die nicht nur im Gaum und Munde, Zähnen, Augen, Nas’ und Schlunde, Nein, sie endigen sich auch In der Brust und in dem Bauch.
Ja so gar bis in die Füsse Sollen kleine Zweige gehn, Wannenher ich leichtlich schliesse, Wie die Wirkungen geschehn,
Welche die Music erreget, Da der Ton das Ohr uns schläget, Und im Nervgen, das er rührt, Durch den ganzen Leib sich führt.
Doch muß auch stets aus der Selen Etwas wieder rückwärts gehn: Denn man spüret in den Hölen Uns’rer Ohren ein Getön,
Das man wie ein Murmeln höret, Wenn man gleich den Eingang wehret Aller Luft, die auswärts schweb’t, Wenn die Ohren zugekleb’t.
Es gescheh mit Wachs entweder, Oder mit der holen Hand, Folglich muß der Pauken Leder, Das darinnen ausgespann’t,
Von der Luft nicht seyn getroffen, Sondern, wenn das Ohr nicht offen, Müssen Teilchen rückwärts geh’n, Die von innen stets entsteh’n.
Hieraus wäre nun zu schliessen, Wie man, was man hör’t, verspür’t, Weil die Geister Strich-weis fliessen, Die das Luft-Reich stets gebiert,
Welche sich an allen Seiten Auf den Ohren auswärts breiten, Wodurch in das Ohr, was kling’t, Wie in einen Trichter, dring’t.
Denn was tön’t, stral’t gleicher Weise Durch verschied’ne Striche fort, Stossen also auf der Reise Viele Strich’, am rechten Ort,
An so manchen Strich der Ohren, Sonst wär mancher Ton verloren: Denn nur einer, und nicht mehr, Träfe sonsten das Gehör.
Da die Ohren offen stehen, Könnt’ ein Ungeziefer leicht, Uns zur Plag’, in selbe gehen; Aber sie sind immer feucht
Durch ein bitter fettes Wesen. Dieß ist recht dazu erlesen, Daß es allen Paß verleg’t, Weil kein Tier leicht Fett verträg’t.
Welch ein Wunder, daß der Ohren Kleine Trummel oder Wand, Eh’ ein Kind zur Welt gebohren, Könne dennoch ausgespannt
In der Feuchtigkeit bestehen! Hierzu ist ein Stoff versehen, Der sie, bis ein Kind zur Welt, Schützet und verstopfet hält.
Eben so, wie unser’ Augen Nichts erblicken sonder Licht, Kann man nichts zu hören taugen, Wenn die Luft dem Ohr gebricht.
Und darum ist GOttes Wille, Daß die Luft die Welt erfülle: Darum schweb’t der Lüfte Meer Wunderbarlich um uns her.
Wenn die Luft sich langsam reget, Wird ein ernster Ton gespür’t, Und wenn sie sich schnell beweget, Oder schleunig circulir’t,
Wird in unsern zarten Ohren Ein geschärfter Ton gebohren, Der die Geister, die er zwing’t, Schneller in Bewegung bring’t.
Durch das Zittern kleiner Teile, So die Luft stets aufwärts führt, Wird der Ton in schneller Eile Und den Augenblick verspür’t.
Wenn nun durch ein stark Bewegen Solcher Teile viel sich regen, Wird der Schall mit starker Macht Unsern Ohren zugebracht.
Daß die Töne, die wir spüren, Durch die Sel’ in unserm Ohr, Und nicht auswärts, sich formiren, Stellet dieses deutlich vor:
Wenn ein Fluß das Haupt verstopfet, Hör’t man, wie es braus’t und klopfet, Welches nicht von aussen klingt, Sondern in uns selbst entspringt.
Viele, ja die meisten lehren, Und die Lehr scheint wahr zu seyn, Daß Hirn, Nerv’ und Ohr nicht hören; Sondern daß die Sel’ allein,
Wenn ein Schall die Lüfte rühret, Nichts, als die Bewegung, spüret: Aber selbst durch eig’ne Kraft Jeden Ton formir’t und schafft.
Wenn wir auf der Schaubühn’ hören, Daß man jammert, seufzt und klag’t, Und, an statt uns zu beschweren, Solch ein Klagen uns behag’t,
Weil es keine wahre Schmerzen; Sehn wir, daß in unserm Herzen Nicht der Ton den Reiz gebiert, Nein, daß ihn der Geist formir’t.
Doch kann man durchs Ohr die Selen Reizen, ärgern und erfreu’n, Trösten, und empfindlich qvälen: Ja der rege Ton allein
Zwingt, verschlimmert und verbessert, Nährt, verkleinert und vergrössert, Schärft und dämpft die Leidenschaft, Mehrt und mindert ihre Kraft.
So wie dieser Cörper jenen Oefters hemmet, oft beweg’t, Also wirkt ein künstlichs Tönen, Daß sichs Blut bald reg’t, bald leg’t.
Durch ein schnell und heftigs Klingen Wird man es in Wallung bringen, Und durch einen sanften Klang Wieder in den vor’gen Gang.
Alexander greift zum Degen Durch ein krieg’risches Getön, Da durch sanfte Tön’ hingegen Saul so Wut als Zorn vergehn.
Welch ein angenemes sehnen Wirkt das Singen einer Schönen Dem, den ihre Schönheit rührt, Wo ein and’rer nichts von spür’t?
Ganzen Krieg’rischen Armeen, Voll Bellonens Grimm und Wut, Die zum Kampfe fertig stehen, Macht ein einzigs Wörtgen Mut
Mehr, als Pauken und Trompeten, Daß sie sich mit Freude tödten. Wenn ein Führer, Brüder, spricht; Achten sie kein Sterben nicht.
Sollte das Gehör uns felen, Fel’t’ und blieb’ uns unbekannt Alle Wirkung uns’rer Selen, Und der denkende Verstand
Würd’, als in sich selbst vergraben, Keine Kraft und Wirkung haben: Der Gesellschaft Nutz und Lust Blieb’ uns ewig unbewust.
Sprich, verwildertes Gemüte, Kommt das Ohr von ungefehr, Oder aus der Macht und Güte Eines weisen Wesens her?
Sprich: verdienen solche Werke Nicht so viel, daß man sie merke? Wers Geschöpfe nicht betracht’t, Schändet seines Schöpfers Macht.
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