Will man von Hochmuth aufgeblasen, von Stoltz
geschwollen, sich erheben;
So dencke man doch, wo und wie uns unser Leben wird
gegeben.
Es wird die Menschheit, sonder Zweiffel, sich weniger er-
höh'n, als schämen,
Erwegt man Art und Ort, wie wir und wo wir unsern
Anfang nehmen;
Betrachten wir hiebey des Cörpers hinfällige Beschaffenheit,
Der Kranckheit Last, des Lebens Kürtze und flüchtige Ver-
gänglichkeit
Erwegt man mit gesetztem Sinn, ohn Vorurtheil, zugleich
dabey,
Wie selber unser Geist so schwach, so eitel, und so niedrig
sey;
Wie oft ihn Leidenschaft bemeistert; wie wir so wenig
gründlich wissen;
Wie oft er sich so weit verirret: wird man denn nicht ge-
stehen müssen,
Daß wir uns hier auf dieser Welt, mit allen unsern Vor-
zugs Gaben,
Mit allem eingebildten Witz, nicht sehr zu brüsten Ursach
haben.
Sey aber darum nicht betrübet: es fließt aus der Erkenntniß
mehr,
Als was man anfangs glauben solte. Es fließt daraus, zu
Gottes Ehr,
Der Nächsten-Liebe Quell, die Demuth, im Leben; und
wann wir erblassen
Der Glaub’, in welchem wir gedultig auf seine Lieb’ uns
blos verlassen.