Von einer Gottheit, die unendlich, ein körperliches
Bild formiren,
Ist untersagt, auch lächerlich, indem es der Unendlichkeit
Nachtheilig ist und unanständig. Doch göttlicher Voll-
kommenheit
Ist es nicht minder unanständig, wenn Menschen sich so
weit verlieren,
Und im Gehirn ein geistig Bild von einem alten Mann
erhöhn,
An welchem sie mit ihrem Geist bekleben, und nicht wei-
ter gehn.
Noch mehr, man stellt sich solchen Gott, als wenn er nur
aufs Böse siehet,
Als wäre er um unsre Laster scharf zu bestrafen nur be-
mühet,
Als einen scharfen Richter vor. Wie! streiten nicht so
strenge Triebe
Mit der Unendlichkeit der Weisheit, mit der Unendlich-
keit der Liebe
Und mit der ganzen Gottheit selbst? Allein: ist Gott
denn nicht gerecht?
O ja: gerecht ist seine Liebe. Sie straft zur Beßrung
allezeit.
Es prediget uns die Natur und die Vernunft ohn Un-
terlaß,
Es könne die Gerechtigkeit
Kein Gegensatz der Liebe seyn. Der Liebe Gegensatz ist
Haß.