Ja, ja, man nennet dich gewiß, O ungemeine Wunder-Bluhme, Mit Recht Wo ihrem Schöpfer ie zum Ruhme
Ein irdisches Gewächs geblüht, So thut es wahrlich deine Pracht, Da alles, was man an dir sieht, Uns in der Form und Farb’ anlacht.
Wann ich beym gläntzenden Gepränge Von deiner schönen Staude steh; Wann ich der bunten Bluhmen Menge, Die deinen Busch bedecket, seh:
Erstaun’ ich, weil ihr Reichthum mir Den Schatz und Reichthum der Natur, Die unerschöpflich sind, nicht nur, Nein, auch zugleich in ihrer Zier
Ein’ Ordnung, eine Weisheit, zeiget, Die allen menschlichen Verstand, Wie weit er geht, weit übersteiget. Es ist vielleicht den wenigsten bekannt,
Daß ieder Tag zu seinem Theil’ Ein eignes Heer von Bluhmen hat. Sie kommen und vergehn in Eil. Es öffnet sich ihr Circkel-rundes Blat,
Woraus ihr Cörper gantz besteht, Des Nachmittags, wann bald der Tag vergeht. Sie lebt die gantze Nacht, Und stirbet meistens früh um acht.
Kaum ist ihr flüchtigs Heer vergangen, So fänget zur gemeldten Zeit, In eben der Vollkommenheit, Ein ander Heer von neuen an zu prangen.
Und dieses währt (o Wunder, das man nicht Genug bewundern kann!) offt bis ins vierte Licht Des Monden. Welche Zahl, Die kaum zu zehlen ist, trifft man
Von Bluhmen folglich auf dir an, Geschmückter Bluhmen-Busch. Mein GOTT! wann ich erwege, Und ernstlich bey mir überlege
Die Wunder-Krafft, die in den Wunder-Saamen Von dieser Wunder-Bluhm, o HERR, von Dir gesenckt, So preis’ ich Deinen grossen Nahmen. Wer sonst, als GOTT, hat eine Menge
Von so viel tausend tausend Bluhmen, In solche Enge, Nebst allen Blättern, eingeschränckt? Geheimniß! welches dem, der GOTT im Wercke preiset,
Zugleich sein Nichts, und GOTTES Grösse, weiset! Indem nun die Natur Der Bluhmen Schmuck so schön, Und ihren lieblichen Geruch so kräfftig,
So süß formirt und macht, ist sie zugleich geschäfftig, In einer ieden Bluhm’ auch für zukünftge Zeiten Damit sie nicht verkommen, nicht vergehn, Den Samen künstlich zu bereiten.
Ein Wunder, welches dem, der es bedenckt, Unfehlbar muß zu einem Wesen leiten, Das anders, künstlicher, und weiser wirckt, als wir. Ach daß man dem dafür
Nicht wenigstens, nebst froher Danck-Begier, Die Ehre der Betrachtung schenckt! Noch stellt uns dieser Bluhmen Zier In ihrem Unterschied ein neues Wunder für.
Wenn alle Bluhmen sonst einander völlig gleichen, Die einer Mutter Kinder seyn; So kommt bey dieser hier Nicht eine mit der andern überein.
Sie sind an Aenderung so unbeschreiblich reich, Daß es unglaublich ist. Steht etwan diese gantz In einer rothen Gluht, so stehet jene Der ersten Nachbarin, nicht minder schöne
In einem lieblich gelben Glantz. Halb gelb, halb roth ist die bey jener sitzet, Inzwischen daß ein kleiner gelber Strich Dort auf der vierten Purpur blitzet.
Wann dort ein rother Streiff durch gelbe Bluhmen läufft, Sind hier die rothen gelb gestreifft. Ein grosses Theil punctiret sich Auf stets veränderliche Weise.
Viel zeigen Linien und Punct’ in einem Kreise. Lässt sich auf manchem Busch nur roht und Purpur sehn, So sieht man gantze Büsch’ in Weiß und Purpur stehn. Bewunderns-würdig ist noch ferner, daß sich hier,
Bey solcher Mannigfaltigkeit In Farben, auch dergleichen Unterscheid In denen Knospen mir An ihrer Gröss’ und Kleinheit zeiget,
Indem sie theils so groß und theils so klein, Daß sie kaum sichtbar, seyn. Jhr unterschiednes Grün verändert sich Mit ihrem Wachsthum ordentlich.
So lange sie noch jung und ungeformt erscheinen, Sind sie mit weißlichem und zarten Haar bedeckt, Wann aber ihre Größ sich weiter hin erstreckt Vergeht das rauhe Haar,
Womit sie sich vereinen, Allmählich, und man wird gewahr, Daß, auf bewunderns-werthe Weise, Ein grünes künstliches Gehäuse
Sich aus fünf Blätterchen, so lieblich grün, formirt. Aus diesen wird darauf die Bluhme nach und nach Hervor geführt, Die Anfangs spitzig ist, die aber allgemach
Bey ihrer Oeffnung sich recht wunderbar verbreitet, Und einen Vorrath zeiget Von einem zarten Tafft, gewebt, gefärbt, bereitet, Von Fingern der Natur, den ihre Schooß versteckt:
Der aber auch, so bald er höher steiget, Sich wunderbar entwickelt und entdeckt; Da ein vollkommner Kreis und Circkel ihr so dann An Ründe kaum sich gleichen kann.
Einst hab’ ich dieser Bluhmen Pracht Auf ihrem Busch, in dunckler Nacht Bey Licht, fast halb erstaunt gesehn, Die Farben wurden doppelt schön,
Theils durch den duncklen Grund der Schatten, Die alles eingenommen hatten, Theils durch das nahe Licht. Denn dessen Glantz und Schein Traff diesen Bluhmen-Busch allein;
Zumahl, da meine Hand, Daß sich der Strich des Lichts nicht in mein Auge streckte, Und es verblendete, das Licht bedeckte, Und durch den Zwischenstand
Und Schatten meine Blicke stärckte, Wodurch ich alles denn weit deutlicher bemerckte. Wie herrlich glühte, gläntzt’ und schien Das von dem Licht durchstrahlte Grün!
Allein mit welcher Gluth, mit welchem Glantz und Licht Bestrahlte mein erstaunt Gesicht Der tausendfach gefärbten Bluhmen-Heer! Fast wie der Sternen Glantz an den Sapphirnen Zimmern,
Sah’ man den bunten Glantz der bunten Bluhmen schim̃ern, Und auch zugleich der Knospen Spitzen In gleich gefärbtem Schimmer blitzen. Ich habe diese Pracht zuweilen solchen Augen,
Die aus Gewohnheit sonst fast nichts zu sehen taugen, In diesem Stand’ und Lieblichkeit gewiesen. Doch war kein einziger, der nicht dadurch gerührt Ein’ ungewohnte Regung spührt’,
Und, was sie sonst so leicht nicht thun, Ward hier von ieglichem des Schöpfers Macht gepriesen. Bevor wir die Betrachtung nun Von dieser Wunder-Bluhme schliessen,
Wird man noch eins erwegen müssen: Wann alle Bluhmen ihre Pracht Allein vom Licht der Sonne haben, Und sie sich folglich auch am Licht der Sonne laben;
So scheinet diese Bluhm’ allein Fast für die Nacht Gemacht zu seyn. Wir können sie am Tage daß sie schön
So wenig als die Sterne sehn. Hier, deucht mich, find’ ich eine Spur, Und scheinet fast hieraus zu fliessen, Daß Creaturen auch vielleicht in der Natur,
Verhanden, die geschickt, auch sonder Sonnen-Schein, Verschiedner Schönheit zu geniessen, Und die an der Geschöpfe Schätzen, Wie andere bey Tag, des Nachts sich auch ergetzen.
Jedoch es sey solch’ eine Welt, Weil sie uns unbekannt, dahin gestellt; Wofern sie aber wircklich wäre, Verminderte sie nicht des grossen Schöpfers Ehre.
Ich schliesse denn hiemit, o schöne Wunder-Bluhme, Was ich in meiner Lust, zu deines Schöpfers Ruhme, Von deiner Zierde sang. Ach möchte meiner Lieder Klang
Doch Jhm auch angenehm, und nicht nur mir allein, Auch manchem Leser, nützlich seyn!
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