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1680–1747

Ein andrer Hochmuhts-Zügel.

Barthold Heinrich Brockes

Es können Leute, die nicht schreiben, noch auf der Laute spielen können, Nicht, ohn’ ein Wunder, beydes thun, so denen doch so leichte fällt,

Die schreiben können und auch spielen. Wenn die Natur nun auf der Welt So viele sonderbare Dinge, und die wir, weil wir sie nicht kennen,

Wofern nicht Wunder in der That, doch wunderbar mit Rechte nennen, Hervorgebracht und täglich bringet; wenn sie, zum Beyspiel, eine Biene

Aus ungeformten Stoff formiert; so scheinet es fast einer- ley, Und daß, ob es gleich uns unmöglich, es ihr dennoch ein leichtes sey.

Mir kommt es vor, daß dieß Exempel uns wenigstens zum Beyspiel diene, Daß, ob wir gleich nicht, wie sie wirke, und die geheime Art verstehn;

Wir doch, daß die gewirkten Dinge darum durch Wunder nicht geschehn, Nein, daß der ewige Verstand Jhr Fähigkeiten zugetheilet, daß, wie wir Menschen mit

der Hand, Sie, sonder Hände, wirken könne, wie wir aus der Er- fahrung sehn, Ob wir die Art gleich nicht begreifen. Wir wirken durch

die Hände nur, Und können, sonder Hand, nicht wirken. Folgt denn daraus, daß die Natur Nicht könn’ auf andre Weise handeln? Es scheinet, daß

wir uns vergessen, Und selbst die Ordnungen des Schöpfers nur bloß nach unserm Leisten messen. Dient die Betrachtung sonst zu nichts, und nützt uns

nicht in andern Dingen; So kann sie uns doch überzeuglich vom Stolz zur wahren Demuht bringen.

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