Oft hab ich bey mir überleget, was eigentlich die Weis-
heit sey.
Nachdem man von derselben Wesen so vieles und so man-
cherley
In mir nicht deutlichem Verstande gelehrt, geschrieben,
vorgetragen;
So deucht mich, daß man dieß von ihr mit allem Rechte
könne sagen:
Sie sey ein Wollen und Vermögen, so Thun als
Denken nach den Pflichten
Der göttlich- und natürlichen Gesetze klüglich einzu-
richten.
Wann wir nun finden, daß wir alle (so wie wir von uns
selbst nicht seyn)
Auch uns nicht selbst erhalten können;
Ja daß, wenn wir uns recht betrachten, ein jeder ganz für
sich allein,
Von allen andern abgesondert, mit Recht ein’ Insel sey zu
nennen,
Ja nicht einmahl, weil sonder Grund, den sonst ein’ Insel
hat, wir leben,
Und gar nicht an der Erde fest, nur Inseln sind, die gleich-
sam schweben.
Da GOtt hingegen allenthalben, und wir uns nicht zu
helfen wissen,
Vielmehr von Jhm unstreitig alles, so hier als dorten, haben
müssen,
Sowohl im Leben, als im Tode; so bleibet es gewiß dabey,
Daß in der That die Furcht des HErrn der wahren
Weisheit Anfang sey.