Skip to content
1680–1747

Die unumschränkte Größe der Gottheit.

Barthold Heinrich Brockes

Ich habe, selbst von großen Geistern, die Meynung oftermals gehört: Ob wär ein Mensch, ja nicht einmal die ganze Menschheit, Daß Gott, ein solch unendlich Wesen, Das Millionen Sonnen schuf, und viele Millionen Welte

Zum Vorwurf seiner Macht erlesen, Die er bloß durch ein Wort erhält, Von seiner Unermeßlichkeit fast schimpflich sich herunter lasse, Und mit derselben Kleinigkeit auf eine Weise sich befasse.

Ja, wenn auch dieses möglich wäre, so würde dieß daraus ent- Daß auch der Gottheit Majestät sich gar, annoch mit kleinern Beschäfftigen und plagen müsse, Und dieses halten sie für ungereimte Schlüsse.

Man kann hierin hingegen klar entdecken, Daß hierin eine Lästerung Für unsern Gott, für uns Verzweifelung, In dieser schlimmen Meynung, stecken.

Für uns kann nichts unglücklichers auf Erden, Als solch ein Schluß ersonnen werden. Denn wären wir, weil wir nicht Gottes Obacht werth, Auch nicht von Jhm geliebt, geführt, ernährt:

Wär unser Gottesdienst, Glaub, Hoffnung, Seligkeit, Ein eitler Tand, und wir, in kurzer Zeit, Nachdem uns hier so manches Leid beschwehrt, Weit ärger, als ein Vieh, in nichts verkehrt.

Was Gott betrifft, scheint nur die Meynung groß zu seyn, Und seine Majestät zu ehren: Doch ists wahrhaftig nur ein Schein. Sie scheinet Gottes Ruhm zu mehren,

Und machet seine Größe klein. Sie schränket seine Lieb und Macht und Weisheit ein; Ja höhnet ihn, statt ihn zu preisen: Wie dieses hieraus klar und deutlich zu erweisen:

Da auch das Größte, was ihr sehet, Aus Kleinigkeiten bloß bestehet; So wird ein Gott ja mehr erhöhet, In den verehrenden Gedanken,

Daß er so wohl was klein, als das, so groß, regiere, Als wenn man ihm gewisse Schranken Zu setzen unternimmt, wo sich sein Blick verliere. Ey! sprecht, wie weit doch seine Schranken gehn,

Aus wie viel Theilen eigentlich Müßt, eurer Meynung nach, bestehen Ein Wesen, eh die Gottheit sich Nach ihm bemüht, sich umzusehen?

Wär es nur nach dem Werth allein: So würd ihm ja fast nichts, auf dieser Erden, Ja kaum die Erde selbst, ein würdger Vorwurf werden, Und Gottes Aufsicht würdig seyn.

Dieß zeiget die Vernunft, und daß es wahr, Zeigt ebenfals die Bibel klar. Sie spricht: Es sorge Gott für Sperlinge so gar; Sie spricht: Es fällt, ohn unsers Vaters Willen,

Von unserm Haupt kein einzigs Haar, Und alles muß des Schöpfers Wink erfüllen. Es ist demnach gewiß, daß unsre Lehre, (zumalen dieser Satz) des Schöpfers Ehre

Aufs Herrlichste verbreit, auch unsern Glauben mehre: Das Kleinste scheint für Gott so wenig klein, Als wie das Größte groß zu seyn.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Die unumschränkte Größe der Gottheit. · Barthold Heinrich Brockes · Poetry Cove