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1680–1747

Die Sonnen-Finsterniß 1733.

Barthold Heinrich Brockes

Der Sonnen strahlend Licht brach durch die reine Luft, Kein schwebendes Gewölck, kein Nebel, Dunst, Verhüllte die Sapphirne Tieffe; Als eine längst vorher beschriebne Finsterniß

Den sonst gewöhnlichen Geschäften mich entriß, Und nebst noch andern mich auf eine Höhe rieffe, Die Bayer, dem davor kein schlechter Danck gebührt, So nütz-als künstlich aufgeführt,

Woselbst bald durch ein Glas, so durch den Dampf vom Geschwärtzet; bald durch eins, so blau war, mein Gesicht Gestärckt, und ich dadurch im Stande war, Die Glut der Sonnen ungeblendet,

Mit scharfen Blicken, anzusehn. Kaum hatte die Minute sich geendet, Die ausgerechnet war, als wir, Bewundrungs-voll, auf dem Papier,

Worauf der Sonnen Bild durch künstliche Christallen Jm dunckeln Zimmer man bewundernd sahe fallen, Schon von der Finsterniß die erste Spur entstehn, Den Rand sich schwärtzen sah’n; worauf der Schatten sich

Vermehrt’ und mercklich wuchs, biß daß wir die Figur Des runden Mondes sah’n, der, da er schwartz und dicht, Der Sonnen strahlend Licht, Doch nur auf kurtze Zeit, entzog;

Das denn auf zweyerley zu dencken mich bewog. Zuerst entstand in meiner Seelen Ein brünstigs Andacht-Feur, ein Ehrfurcht volles Dencken: Da so viel tausend Jahr so grosse Cörper sich,

Ohn im geringsten je zu fehlen, In solcher steten Ordnung lencken; Wie mächtig, weise, groß und unveränderlich Muß der, durch dessen weisen Willen,

Sie ihren festen Lauf so ungehemmt erfüllen, Der sie aus Nichts allein erschuf, der sie allein Blos durch sein Wort erhält, der ew’ge Schöpfer, seyn! Es fiel zugleich mir dieses ein:

Ist etwas auf der Welt, so uns von unserm Geist Was grössers, und was GOtt für Fähigkeit ihm schencket, Als eine Finsterniß uns weis’t? Da er, fast auf ein Haar, wie ein Gestirn sich lencket,

Auf hundert Jahre schon vorher sieht und gedencket. Heißt alles dieses nichts, von solchen Finsternissen, Von der Planeten Lauf, Bewegungen und Drehn Die stete Richtigkeit so gar genau zu wissen,

Auf einen Augenblick vorher zu sehn? Und zwar Auf so viel hundert Jahr, Ja noch auf längere Zeit,

Ohn daß wir im geringsten fehlen? Wo hierinn keine Treflichkeit, Kraft, Feur, und Vorzug unsrer Seelen Vor allen andern Thieren

Unwiedersprechlich zu verspühren; So weiß ich nicht auf welche Weise man Sich einigen Begrif von Wahrheit machen kann? Durch die Betrachtung froh, und recht aufs neu gestärckt,

Verjag ich nicht allein Die eitele Furcht, wodurch bey Finsternissen, Durch Aberglauben tumm, sich viele qvälen müssen, Und blos aus Einfalt bange seyn:

Es steckt zu gleich solch’ eine Dunckelheit Ein helles Licht in meiner Seelen an, Daß ich nicht nur von meinem eignen Wesen Was grosses mehr, als sonst, kann lesen;

Sie zeiget mir zugleich noch eine grosse Lehre, Zu aller Ding’ und meines Schöpfers Ehre, Und mach’ ich mir hieraus die ewig-wahren Schlüsse, Daß GOtt der Sonnen, Mond und Welt regirt und

Und der zugleich auch uns solch einen Geist geschenckt, Worin nur er allein der Weisheit Schatz gesenckt, Allein gelobt, geliebt, verehret werden müsse.

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