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1680–1747

Die Anemonen.

Barthold Heinrich Brockes

Mir hat, GOtt Lob! der Schmcuk, der bunte Blu- men ziert, Das innerste der Seelen oft gerührt; Allein, dieß ist gewiß: noch nimmer Bin ich von ihrem Glantz und angenehmen Schimmer,

Von ihrer Zierlichkeit und tausendfacher Pracht So lieblich angestrahlt und fast bestürtzt gemacht, Als heute, da ich kaum im Garten eingetreten, Und mir ein buntes Feur von Anemonen-Beeten

Das Aug’ auf einmahl traf. Ich stutzt’! Es blieb mein Der halb gehoben war, so, halb gehoben, stehn, Und kont ich, vor der Pracht und Schönheit Ueberfluß, Der mich recht blendete, nicht vor- nicht rückwärts gehn.

„liebster GOTT! kan wol auf Erden „etwas, das so wunderschön, „bunt und zierlich ist, gesehn; „lieblichers gefunden werden?

So rief ich, halb entzückt vor überhäufter Lust, Und ließ den frohen Blick den bunt-gefärbten Hauffen Auf einmahl überlauffen. Ein gleichsam bunter Schwall drang in die rege Brust,

Mit einem tausendfach-gefärbten Glantz und Schein, So heftig und so kräftig ein, Daß fast die Seele selbst, von Anmuth überhäuft, Vor übermäßigem Vergnügen, nichts begreift,

Und nur, wie alles hier bunt durch einander spielet, In einer lieblichen Verwirrung, frölich fühlet. Es war der Anemonen Zier So lieblich bunt, so würdig schön,

Daß ich, indem ich sie betrachte Mit inniglichen Freuden dachte, Mein GOTT, wie frölich danck ich dir, Daß du mir Augen gabst zu sehn!

Wenn ich nichts anders sonst erblicket Auf dieser Welt, als blos allein Den tausendfachen Wunder-Schein, Womit dieß Frühlings-Kind geschmücket,

Müsst’ ich dir billig danckbar seyn. Ich zog darauf den nimmer festen Blick Der um zu viel zu sehn, fast nichtes sah, Aus seiner bunten Fahrt, fast mit Gewalt zurück,

Um einige genau zu sehen, die mir nah, Und fast vor meinen Füssen stunden. Mein GOtt, was hab ich da für Zierlichkeit gefunden, Für Farben, und für Glantz!

Es würden selbst aus Edelsteinen Geschnittene Gefässe schöner nicht In mehrem Glantz, in mehrem Licht, In bunterm Schmuck vermögend seyn zu scheinen,

Als die von der Natur in solcher Zier Gekleideten gefärbten Blumen hier. Zumahlen wenn in heitern Wetter Der Sonnen früh- und späte Strahlen

Die klaren Bläslein ihrer Blätter Mit Farben nicht so sehr, als buntem Glantze, mahlen. Bewunderns wehrt ist die von der Natur Jhr zugetheilete Figur:

Sie gleichen fast, an Form, nett-ausgehöhlten Schalen, Die angefüllet in der Mitten Mit funckelndem Rubin, der zierlich ausgeschnitten, Da oft in selbigen viel tausend nette Spitzen,

Die in der schönsten Ordnung sitzen, In röthlichem und weissem Feuer blitzen. Denn wenn das Sonnen-Licht sich in die Menge Der Blätter, die so nett verschrenckt,

Und so viel bunte Spitzen, senckt, Erblickt man ein so form- als farben- reich Gepränge. Unglaublich ist, wie schön, wie voll, als wie auf Sammt Das sanft gebrochne Licht auf ihren Blättern flammt.

Unglaublich ist, wie groß die Zahl der Blätter sey, Die, in verschiedenen, weit über tausend gehet; Unglaublich ist, wie vielerley Der Farben Mischungen, wie manchen Unterscheid

Jhr auf den bunten Blättern sehet. Wenn viel’ in dunckler Röthe glühn, In Weis, in Purpur-Farb, in Carmesin, In Gelb, Viel-Blau, Leib-Farb, Grün,

Von tausend Mischungen und Graden, blühn; Sieht man viel andre noch, auf ander’ Art geziert, Mit Linien, die silber-weis, durchziehn, Oft roth, oft weiß, auf tausend Art, punctirt.

An vielen wird noch mehr erblickt, Indem, im starcken Gegensatz Der Farben, ihren Mittel-Platz Ein gantz verschiedner Boden schmückt,

Den ich oft grün, oft schwartz, oft blau, Bey gantz verschiednen Blättern, schau. Noch eins, so diese Blum’ in gantz besonderm Grad Vor allen andern Blumen hat:

Da sie ein schönes Laub an ihrem Stengel heget, Der es, als einen Krantz, in seiner Mitten träget, Der aus drey Blättern sich formiret, Die ich daselbst in einer Ründe

Aus einem Ort entsprossen finde, So sonst bey Blum- und Pflantzen nicht gemein. Wann nun ein jedes Blatt Aufs neu drey nette Spitzen hat,

Und jede theilt sich wieder ein In drey, die wiederum in sechs getheilet seyn, So kann die grosse Zahl nett-ausgekerbter Ecken Uns, zu der Blumen Schmuck, was sonderlichs entdecken,

In dem sie in dem dicht-geschlossnen Grünen Den bunten Blumen stets zum schönen Grunde dienen, Ja schöne grüne Decken scheinen, Worauf der bunte Glantz, die viel gefärbte Pracht,

Die uns auf tausend Art anlacht, Sich desto lieblicher vereinen. Es ist wahrhaftig nicht zu gläuben, Noch minder möglich zu beschreiben

Die Schönheit, welche man, durch dieses Kraut, Der Anemonen Pracht annoch vergrössern schaut. Das farben-reiche Blumen-Heer Läßt anders nicht,

Als wenn, von buntem Licht, Auf grünen sammtenen Tapeten, Ein Blum-Werck schön gewircket wär. Die allerreichsten Kaufmanns-Laden,

Voll güld- und silberner Brocaden, Und wenn sie noch so schön gestickt, durchwirckt, bebrämt, Sind durch der Blumen Pracht und bunten Glantz beschämt. Da ich nun, mit vieler Freude,

An der Anemonen Schein Mein vergnügtes Auge weide; Fällt mir dieses billig ein: Mögten wir, für so viel Gaben,

Woran wir die Sinne laben, Welche wir von dir allein, Grosser GOTT, empfangen haben, Danckbar und erkänntlich seyn!

Mögt ich doch, o ew’ge Güte, Die mir so viel Guts gegeben, Mit erkänntlichem Gemühte Dir gefällig hier zu leben

Recht von Hertzen mich bestreben!

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