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1680–1747

Der Lammes-Kopf.

Barthold Heinrich Brockes

Man hatte jüngst, zum Mittags-Mahl, mir einen Lam̃s- Kopf aufgetischet: Wie ich nun die zerlegte Knochen von ungefehr recht ange- sehn, Befand ich sie gantz sonderbar, ja wunderns-wehrt gebildet Und ward zu fernerer Betrachtung dadurch, wie billig, an- Ich ward Bewundrungs-voll gewahr, daß gantz ver-

Den nett formirten Kopf formiren; da mancher hart, als Ein ander weich; der knorpelhaft; der voller Löcher, und Der recht wie Schiefer; dieser rund; da viele lang und Verschiedne schienen eingedrückt; mit Strichen sind viel’

Der ist gerade wie ein Stock; der, wie ein Hake, krumm In diesem sind gewölbte Hölen, der Augen Schirm-Dach; Besondre Oeffnungen der Ohren, und noch an einem andern Von noch gantz unterschiedner Gattung, am fordern Kno-

Zu des Geruchs Canal und Gang, noch andere sich schmahl Die forn beweg-und weichlich werden. Verschiedene sind Daß zarte Nerven durch sie gehen; es endigen sich viel’ in Die Kiefern sieht man eingetheilt in viele Fächerchen mit

Noch wird ein wirckliches Gewölbe von grössern Umfang, Bis hinten durch den gantzen Kopf, als ein Behälter zum Jm harten Knochen angetroffen. Ich stutzt’, als ich dieß Und dachte mit gerührter Seele: Wie ward dieß alles?

Hat dieses künstliche Gebäude formirt, errichtet, ausge- Nach welcher Richtschnur legt sies an? Was für ein Werck-Zeug brauchte sie, Es auszuhölen, es zu bilden? woher nahm sie die Symmetrie,

Daß alles so gar Negel-recht, daß alles gleich auf beiden Woher ein so geschärfft Gesicht? da so viel kleine Kleinigkeiten Mit Fleiß allhier zu bilden waren: Ich find’ hier weder Die solch ein überkünstlich Werck zu sehn und zu formiren

Ich finde nicht einmahl ein Licht, wobey solch Kunst-reich Indem es, wie bekannt, im dunckeln gewirckt wird und her- Hier stehet all mein dencken still. Ich seh’ allhier gantz Als alle Kräffte, die die Menschheit, trotz ihrem Dünckel, ie

Ob sie bisher gleich mehrentheils, nach ihrem Maß-Stab, Es müssen eigne Kräffte seyn, die zu so künstlichem Geschäffte, Mehr Fähigkeit, mehr Wissenschaft, mehr Kunst, Geschick- Vom grossen Schöpfer aller Dinge vermuthlich überkom-

Denn daß man spricht: es ist gewachsen; und anders Fast eben vor, als wenn man spricht: es kömmt von unge- Ich kann, wenn ich es recht erwege, vom Wörtchen Als daß von einem Cörper sich desselben Theile mehren,

Sich dehnen, füllen, grösser werden, sich in die Breit’ und Dieß heisset Die Urstands-Theil’, indem ein iedes solch eine Krafft zu Die alles so, nicht anders wirckt; dieß kann mir

Du sprichst: im Samen steckt dieß alles. Gar wol! Ein Wort, das mich nicht klüger macht, ein unverständlich Sie treffen beid’ an Dunckelheit, wie mich bedünckt, wol So weit wir unser dencken schärffen, so tieff auch unsre Sin-

So können wir vom wahren Ursprung des Samen-Wesens Wie aber wir, ohn Witz, nichts künstlichs von Menschen ie So scheint es billig, auch zu glauben, daß das, so die Natur So künstlich webt, so fleißig füget, so nett verschränckt, so

Nicht sonder Witz, Verstand und dencken, ohn’ Arbeit, Fleiß Nur bloß von ungefehr geschehe. Ach nein! Die Vollen- Der Cörper die der Menschen Arbeit, an Ordnung, Masse, Und Kunst, bey weitem übersteigt, erweiset, wenn wirs wol

Daß es nicht ungereimt zu dencken: Der Schöpfer hab’ aus Die er in solcher Meng’ erschaffen, verschiedene zu Bildungs- Allein erschaffen und geordnet; als daß man wollt’ ein Un- Das blind im Samen wircket, glauben, und nicht was wei-

Mir kommt es wenigstens so vor, es stimme mit des Am allerbesten überein, wenn alles, was wir künstlichs sehn, Auch durch vernünftige Geschöpfe vernünftig zugerichtet Denn sollt’ ein schönes Marmor-Bild, das lange doch so

Wol von sich selbst entstehen können, wofern es nicht durch Und, üm noch deutlicher zu reden, durch Menschen Kunst und Nach Mass’ und Schnur gehauen wäre, und nach der Regel Ich meine, nein! denn ob wir gleich an GOTTES Macht

So scheint es doch aus der Natur, GOtt habe so nicht wollen Will einer noch hingegen sagen, daß es der Finger Der alles das unmittelbar verrichte; so gesteh’ ich frey, Es scheine mir die erste Meinung von GOTTES Weisheit,

Geschickter, würdiger, erhabner, und Denn, ausser, daß ich in den Worten, und in der wircklichen Vom Finger GOttes, was verblühmtes, und nicht was ei- So deucht mich, daß dergleichen Wercke durch Seine Die-

Sey einer Gottheit würdiger, als Selbst damit sich zu be- Vermindert es ja doch die Ehre des Schöpfers im ge- Wenn so viel künstliches auf Erden durch Menschen-Witz Sonst könte ja der Schöpfer auch, als Dem es nicht an Macht

Aus Holtz und Stein formirte Bilder, Gebäude, Gärten, Auch Gläser, Haus-Geräthe, Schräncke, Gemählde, Fenster- Ohn unsern Beytritt, wachsen lassen. Wir sehen aber auf Daß es Jhm, unser sich dabey auch zu gebrauchen, nicht miß-

Und wie so sehr würd’ einer nicht in seiner Meinung Der, weil er etwan solche Dinge von Menschen niemahls Daß sie gewachsen wären, glaubte? darüm ist dieses auch Noch lange nicht so ungereimt, als wie es etwa manchem

Jedoch, da unser Wissen hier nur Stück-Werck; soll Dem, der mir bessre Gründe bringt, nicht widersinnig wie- Laß dir zugleich, geliebter Leser, was wir von solchen Gei- Nicht eine neuerliche Lehre, nicht fremd und nicht gefährlich

Vielleicht sind wir nicht unterschieden, vielleicht ist es fast Ob, was ich Geister nenne, kräfftig; ob, was du Krafft heist, Denn wir begreiffen ja so wenig, was eigentlich dergleichen Als was von Geistern, welche bilden, recht eigentlich die Ei-

Genug iedoch, wenn wir hiedurch von der Gewohnheit Und GOttes künstliche Geschöpfe mehr achten und bewun- Dieß ist mein Endzweck hier gewesen, erbaue dich nebst mir Daß uns zur Demuth und zur Andacht so gar ein Lamms-

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