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1680–1747

Der Korn-Boden.

Barthold Heinrich Brockes

Indem ich neulich, mit Vergnügen, auf dem Getrayde- Boden stand, Und ihn, ob gleich derselbige von einer ungemeinen Länge, Dennoch von Rocken, Weizen, Gersten und Habern in

recht schwehrer Menge, Theils selbst gebaut, und theils zum Zehnden geliefert, angefüllet fand; Verehrt’ ich, meinen Pflichten nach, zuerst den Geber

dieser Gabe, Von Dem ich dieses, wie wir alles, als ein Geschenk em- pfangen habe, Bewunderte die Zeugungs-Kraft, die GOtt dem Saamen

eingesenket, Bewunderte die Kraft der Erde, den Sonnen-Schein, Luft, Regen, Wind, Derselben ordentlichen Wechsel, die alle dazu nöhtig sind;

Jmgleichen, daß auch uns dazu so viel Verstand und Kraft geschenket, So Saat, als Acker zu besorgen, der Saat Kraft, unser Fleisch zu nähren,

Und überdem, zu unserm Nutzen, so Segen-reich sich zu vermehren. Nachhero fiel mir, da mein Blick noch einst den Haufen überlief,

Die baldige Veränderung, der es wird unterworfen seyn, Und die so sonderlich, als nützlich, von dieser Menge Korn, mir ein. Daher ich, dieser Ordnung Weisheit erwegend, bey mir

selber rief: Welch ein Bewunderns-wehrter Cirkel! Was, nach so emsigem Bemühen, Der Landmann in dem Stand gewesen, dem Schooß der

Erden zu entziehen, Was hier nunmehr zu Hauf geliefert, und, wohl bedeckt, in Ruhe liegt, Wird bald von neuem aufgemessen, zum Müller und zum

Becker kommen, Und wenn es vieler tausend Münde, zum Nutzen und zur Lust, gefüllet, Und theils im Magen uns den Hunger, theils auch, im

Bier, den Durst gestillet, Da sie, statt abgegangner Theilchen, an neuen Theilchen zugenommen; Wird alles wiederum getrennt, vermischt, und größten-

theils der Erden, Zur abermahligen Bereitung von neuem einverleibet wer- den, Um, nach der wunderbaren Ordnung, in allen uns bekann-

ten Dingen, In seinem unverrückten Wechsel, den grossen Kreis-Lauf zu vollbringen. Ich dachte den Partikeln nach, aus welchen Fleisch und

Blut formiert, Ob etwan etwas Geistiges damit verbunden, welches nur Allein in Fleisch sich zu verkehren, und, nach den Regeln der Natur,

Das Thier-Reich zu ernähren tüchtig. Aufs wenigste wird man sie können, Wofern nicht wirklich Geistigkeiten, doch ganz besondre Kräfte nennen,

Wovon wir uns zwar vielerley von neuem vorzustellen taugen; Jedoch, wenn wir die Wahrheit sagen, sind sie nicht minder unsern Augen,

So wohl, als wie vorher, verborgen. Denn, wenn wir auch dieselben gleich In fein’ und gröbere zertheilen, die gröbere dem Pflanzen- Reich,

Die feinere dem Reich der Thiere bloß zuzueignen uns bemühn; So wird man doch aus aller Theilung bey weiten nicht den Nutzen ziehn,

Als wie wohl die Gelehrten meynen, weil eben eine solche Kraft Uns keine größre Wahrheit zeiget, als die verborgne Ei- genschaft,

Die man am Stagyrit verlacht. Doch kommt von allen diesen mir Der Wahrheit am gemässesten und am begreiflichsten noch für,

Daß im Getrayde solche Theile, die gleichsam einerley Figur Mit unsers Blutes Theilen haben, und etwan einerley Natur

Und Harmonie mit ihnen hegen, wodurch sie Zung’ und Mund behäglich Und angenehm im Schmecken sind; dem Magen eben- falls erträglich

Nicht minder unsern innern Theilen, als Adern, Nerven, Drüsen, Blut, Womit, der Theile Gleichheit halber, vermuhtlich sich zu- sammen thut,

Vereint, und das, was fehlt, ersetzet. Ich dachte ferner, da der Mist Zur Düngung und zum Wachsthum selber fast unent- behrlich nöhtig ist,

Und dieser aus dem Thier-Reich stammt, ob dieß uns nicht vor Augen leget, Daß ja fast gar auf welche Weise, das Korn so gleiche Theile heget

Mit unsern und der Thiere Cörpern. Mir fiel nachher noch ferner bey, Wie sehr des grossen Schöpfers Weisheit hierinn noch zu bewundern sey,

Daß, da das Vieh sich selbst zu helfen und sich zu nähren nicht geschickt, Sich ihre Nahrung, Gras und Kraut, von selbst fast aus der Erden drückt;

Da wir hingegen unsre Kost, durch Fleiß und Arbeit, finden können: So hat Er uns dazu so vieles, die künstliche gelenke Hand,

Holz, Eisen, Seile, Pferd’ und Ochsen, zumahl den sinnenden Verstand, Zu unserer Beschäftigung, und andrer Absicht wollen gön- nen.

Denn scheinet gleich, beym ersten Anblick, die Arbeit müh- sam, saur und schwehr Ist dieß doch lange nicht so schlimm, als wenn die Mensch- heit müßig wär;

Indem, wenn hier auf dieser Welt der Mensch von keine Arbeit wüßte, Ein allgemeiner Müßiggang das Leben wirklich meh verdrießlich,

Zum Bande der Geselligkeit viel minder nützlich und er- sprießlich, Und kurz: den Zustand unsrer Welt gewiß viel schlimmer machen müßte.

Von der Bewegung, der Gewohnheit, wodurch sie ihre Müh' ertragen, Und der Bewunderns-wehrten Ordnung, worinn sie stehn, nicht einst zu sagen,

So daß man von der Arbeit selber kann eine klare Probe geben, Sie sey so nöhtig und so nütze, als unser Brod, ja selbst das Leben.

Es scheint, der Schöpfer habe hier die Faulheit, die uns wirklich plaget, In diesem grossen Werk, dem Land-Bau, durch die Noht- wendigkeit verjaget.

Und ob gleich Er nur bloß allein das, was wir säen, lä gedeyn; So scheint, Er wolle Seinen Segen im Schatten unsrer Müh' verstecken,

Und lieber durch der Menschen Arbeit die wahre Segens- Quell' bedecken, Als uns die Fülle Seiner Güter unmittelbar, wie sonst, zu schenken,

Daß wir uns nur in den Morast des Müßiggangs nicht mögten senken; Indem, durch Arbeit und Bewegung, zugleich von Krank- heit und Beschwehrden,

Nebst vielen sonst gewissen Lastern, wir wunderbar befreyet werden. Ich sehe ferner auch den Segen, den man Jhm nie verdan- ken kann,

Daß, durch den Kreis von dem Entstehn und dem Vergehen, unsre Erde, Vermittelst Sonne, Luft und Regen, an Kräften nie er- schöpfet werde,

Als ein von einer weisen Allmacht so eingerichtet Wunder an. Wenn wir demnach als Menschen lebten, und recht als wahre Menschen dächten;

So würden wir ein wenig mehr, als wie das Vieh, die Wunder-Weise, Wie eigentlich das Korn geräht, dem Schöpfer der Natur zum Preise,

Betrachten, Seine weise Huld bewundern; ja ich weiß, wir brächten Jhm die gerührten Seelen selbst zum Opfer, nebst dem ernsten Willen,

Was Jhm mißfällig nicht zu thun, was Jhm gefällig zu erfüllen.

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