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1680–1747

Der Herbst in Ritzebüttel.

Barthold Heinrich Brockes

Gott Lob! ich seh, mit vielen Freuden, aufs neu, im Herbst, mein fruchtbar Feld Begraben, wohl bedüngt, gepflügt, besät, beeget und bestellt. Man sieht, wenn man bedachtsam sieht, anitzt, so weit das

Auge träget, Ein angenehmes Dunkelbraun von Aeckern, welche theils geeget, Theils aufgebrochen, theils gepflügt, das uns, wenn wir es

recht betrachten, Und auf die gleich-geformte Fläch’, und gleich-gemischte Farben achten, Uns eine sanft’ und fremde Lust in der gerührten Brust

erregt. Der Himmel, den man, meist bedeckt, in einer klaren Dämm- rung sieht, Erreget, nebst dem dunklen Vorwurf der Erden, itzo dem

Gemüht Ein’ Art von angenehmer Schwehrmuht, zufriedner Unzu- friedenheit, Ein melancholisches Vergnügen, und eine süsse Trau-

rigkeit. Mich deucht, daß wenn ich itzt bedachtsam, bey stiller Luft, spatzieren gehe, Und rings umher, in solcher Ordnung, von der bestellten

Felder Flur Die dunkel-braune Weite schau, ich von der emsigen Natur Ein ernsthaft majestätisch Wesen, mit einer Art von Ehr- furcht, sehe.

Es ist auf solcher flachen Ebne nun alles leer und nichts zu sehn; Doch scheinet mir die flache Weite, recht wie ein neuer Schauplatz, schön.

Man sieht agirende Personen zwar itzt nicht auf demselben stehn; Doch zeigt die allgemeine Stille, auf der sonst nimmer stillen Erde,

Dem, der auf ihren Zustand achtet, und ihr Betragen kennt, es werde, Zu neuen Handlungen, von ihr itzt hintern Scenen was geschehn.

Ja wohl geschicht was sonderlichs, es wirket die Natur von innen, (obgleich das, so sie itzt verrichtet und treibt, kein Vorwurf unsrer Sinnen)

Mit vielem Fleiß, und in der Stille, das allernützlichste Geschäfte. Sie lässet itzt den Saamen keimen, hierzu gebraucht sie ihre Kräfte,

Und wendet sie, ohn’ unser Zuthun, so ernstlich und so emsig an, Daß man in kurzer Zeit bereits der Arbeit Früchte spühren kann.

Aus den geraden Furchen dringet die grüne Saat gemach hervor, Die Spitzen, grüner als Smaragd, steh’n hie und dort bereits empor,

So die Natur, daß sie der Frost nicht stickt, in Silber-weissen Decken, Als wie in einem weissen Pelz, bemühet scheinet zu ver- stecken.

Um ihnen diese Decken nun, wenns Noht, zu rechter Zeit zu geben; Scheint sie bereits darauf bedacht, sie in der Luft aus Schnee zu weben.

Indessen laßt, zu dieser Zeit, da noch der rauhe Frost nicht da, Und das erwärmde Sonnen-Licht annoch mit seinen Strah- len nah,

Uns an dem dunkel-braunen Sammt der milden Mutter uns ergetzen, Auch an den uns, in grünen Spitzen, bereits gezeigten künft- gen Schätzen,

Die itzo, so zum Schmuck als Nutz, des Thaues bunte Trop- fen netzen, Und schimmernd unsern Blick vergnügen, mit unsern GOtt geweihten Freuden,

Durch gegenwärt- und künftigs Gut gerühret, Herz und Augen weiden. Ach, laßt uns unsers Schöpfers Wunder in der Natur verehren lernen!

Laßt uns von Undank und Gewohnheit bestreben uns doch zu entfernen, Die leider itzt so allgemein! Denn da dieß alle Jahr geschicht,

So achtet man es leider nicht. Es bringt dieß Segen-reiche Wunder Dem grossen Schöpfer minder Ehre, Nach unserm ganz verkehrten Brauch, als wenn es etwas

seltnes wäre, Indem was neu ist uns nur rührt, da doch, wenn man vernünftig dächte, Es uns, mit allergrößtem Rechte,

Dem Schöpfer der Natur zum Ruhm, uns einen Eindruck in die Seelen Um desto mehr noch wirken sollte, bewundernd öfters anzu- seh'n,

Wie seine wunderbare Werke in ungestörter Ordnung geh'n, Und in so viele tausend Jahren auch nicht einst um ein Haar breit fehlen.

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