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1680–1747

Der Herbst.

Barthold Heinrich Brockes

Ich fuhr im Herbst, um in demselben der Welt veränderte Gestalt, Mit Lust und Andacht, zu beschauen, vergnügt nach meinem kleinen Wald.

Ich sahe, wie der kalte Nord bereits mit Laub und Kraut gehandelt, Es schien der vormahls grüne Wald nicht mehr derselbe, ganz verwandelt,

Der größte Theil der hohen Wipfel schien übergüldet, ob- gleich grün Indem noch nicht verbleichtes Laub noch hie und da dazwi- schen schien.

Hier sah man gelb auf grünen Stellen, und grüne dort auf gelben schön, Dort in der bunten Nachbarschaft auch roht auf gelb- und grünen steh'n.

Viel’ deckt’ ein Glanz, als ein Rubien, viel’ Blätter waren gelblich-bleich, Viel’ waren roht und grün gesprengt, viel’ roht und grün und gelb zugleich.

Die meisten waren nicht so schön, entfärbet, dunkel, falb und braun, Doch war der andern bunter Glanz um desto lieblicher zu schau'n,

Jm Gegensatz der Nachbarschaft, indem er, als auf dunklem Grunde, Als wär’ es recht mit Fleiß geordnet, um desto mehr erhoben stunde.

Auf dunkler Felder weiten Flächen, Worauf, doch sparsam, hier und dar schon wieder grüne Spitzen brechen, Erblickt’ man gelbes Schilf in Gräben, auch mancher

Dorn-Strauch läßt itzt schön, Nebst seiner rohten Beeren Funkeln, die Menge bunter Blätter seh'n. Doch zeigt er auch die Stacheln schon, da er schon mehren-

theils entlaubt, Und seines Schmucks, der sie verhüllte, durch Nebel, Wind und Frost beraubt. Da, wo mit der bedeckten Luft sich der Gesichts-Kreis

sanft verbindet, Verliert er sich im klaren Duft, so daß man kaum die Grenzen findet. Es scheint, ob ruhe die Natur, und als wenn eine sanfte

Stille, So daß sie uns fast sichtbar ist, das Feld, so weit man sieht, erfülle. Die Fluht, nachdem die Wasser-Linsen, und alles auf den

Grund gefallen, Was erst auf ihrer Fläche schwamm, ist itzt im Herbst so rein, so klar, Als es in keiner Zeit vom Jahr.

Es scheint itzt mehr als sonst poliert, und gleicht itzt reinen Berg-Krystallen, Worinn sich, nebst des grünen Ufers nunmehro gelb-bebüsch- ten Hügeln,

Auch Wolken, ja der ganze Himmel noch einst so rein und klar sich spiegeln. Es sind, im Herbst, in einer Landschaft nicht nur die Bäum’ im Gelben schön,

Sie sind zugleich, da alles kühl, In ihrer Gelbe warm und schwühl, Und als vom Sonnen-Glanz bestrahlt, auch wenn die Luft bewölkt, zu seh'n.

Was mir zu dieser Zeit, im Herbst, an unsrer neu- gefärb- ten Welt, Auf Bäumen, an der Luft, auf Erden, es sey so nah’ als weit, gefällt,

Ist der gebrochne Schmuck der Farben, da in die Luft au Kraut und Büschen, In mahlerischer Harmonie, sie sich besonders lieblich mi- schen.

Ein sanftes Trüb, ein duftig Wesen, dämpft das vorhero stärkre Licht Der hellern Farben, daß ihr Brand sich itzt gemählich schwächt und bricht,

Wodurch sie bunt, doch matter scheinen, indessen doch nicht minder schön, In einer sanften Gluht zu sehn.

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