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1680–1747

Der bekannte und unbekannte GOTT.

Barthold Heinrich Brockes

Es flammt ein neuer Trieb mich an, ein neues Opfer Dem zu bringen, Der aller Dinge Quell und Ursprung. Ich will ein neues Loblied singen

Von Dem, Der, in dem Schmuck der Welt und aller Creatu- ren Pracht, Von Seinem eigentlichem Seyn, von Seiner Weisheit, Lieb und Macht

Ein unverborgnes und verborgnes, ein sichtbar und unsicht- bar Bild, Worinn Sein unbegreiflichs Wesen, zu unserm Besten, sich verhüllt,

Und doch bekannt macht, uns sich weist. In Dingen, die dem Sinn sich zeigen, Muß unser Geist, der für sie sinnlich, als wie auf Leitern, zu Jhm steigen.

Komm, laß uns denn die grünen Schatten, der Felsen auf- gethürmte Höhn, Samt den einsiedlerischen Büschen, die Zier und Pracht der Welt, besehn!

Laß uns die bunt-beblühmten Wiesen, wodurch crystallne Bäche rinnen, Auch dürre Wüsten, ja so gar mit Eis und Schnee bedeckte Zinnen,

Die flachen Ebnen, tiefe Thäler, das weite Meer, die grüne Saat, Von den durch Kunst formirten Gärten, der bunten men Pracht und Staat,

Die dunklen dick-verwachsnen Wälder, erfüllt mit einem heilgen Grauen, Und kurz: Was in der schönen Welt so schön, so angenehm, beschauen!

Indem wir aber diese Schönheit, die endlich, mit Ver- nunft besehn; Was hindert uns, daß solche Wunder sich unsrer Seelen nicht bemeistern?

Warum läst unser Geist sich nicht, durch aller Geister Geist, begeistern, Der aller Wunder Quell und Ursprung? Ein All-befassend Wesen ist

Das Wesen, das die Wesen schuff, die Macht, die diese Welt formiret, Die sie hervorgebracht, geschmückt, belebt, in Ordnung hält, regieret,

Den Grund derselben in sich hegt, die Absicht und die Daur ermißt. Durch Den die Ordnung aus dem Chaos, das Seyn von al- lem, was vorhanden,

Die Harmonie in der Natur, ja selber die Natur, entstanden. So laß denn selbst von der Natur ein allgemeines Lied erklingen, Laß sie, in süsser Harmonie, die Quell der Harmonie besingen.

Dem Ewig-seelgen, Unbegränzten, und All-erfüllenden Verstand Sind alle Tiefen, alle Höhen, Zeit, Ewigkeit und Raum bekannt.

Aus Seinem Wollen blos entstehn der Engel und der Men- schen Wesen, Samt der Geschöpfe Heer, so hier zu so verschiednem Rang erlesen.

Es müssen denn so Mensch als Engel, wenn sie die Herrlich keiten sehn, Sein Lieben überall verbreiten, und Seines Namens Preis erhöhn.

Es heißt Sein gütiger Befehl den warmen Sommer und den Lenzen (die, Vögeln, wild- und zahmen Thieren die Tafel decken) lieblich glänzen.

Er deckt die Kräuter-reichen Berge, die Flächen der begrasten Erden, Mit rasch- und schnellem Wilde dort, und hier mit zahm- und fetten Heerden.

Er ist es, der die flachen Felder mit reifendem Getreyde füllt, Nur Er, aus dem in bunten Wiesen so manches klare Bäch- lein quillt, Das rege, wie ein lebend Silber, bald zwischen Gras, bald

glatten Kieseln, Mit einem lieblichen Gemurmel, voll kleiner regen Blitze, rieseln. Er ists, durch Den ein strenger Strohm sich, durch verschied-

ne Länder, schlängt, Und wenn er erst so manches Land getränkt, so dann zum Meer sich drängt. Durch Jhn wird unser Luft-Raum ganz mit frohen Tönen

angefüllet. Er ists, aus Dem der Nachtigall so rein und lieblichs Gur- geln quillet. Durch Jhn vergnügt in stetem Wechsel der Lieder-reichen

Vögel Chor Aus so viel Schnäbeln unsre Brust, und füllt mit Lieb und Lust das Ohr. Man hört die Drossel, Lerch und Stieglitz ein ungekünstelt

Loblied singen, Und Dem, Der ihr ihr Wesen gab, ein Danklied, für ihr We- sen, bringen. Es grüßt aus einem jeden Busch das Ohr ein zwitschern-

der Gesang. Wer schenkt uns Ohren? Wer formirte, zu unserer Anmuht, Luft und Klang? Es rühmen ihres Schöpfers Huld die Farben-reichen

Sonnen-Strahlen, Durch die sich die Natur belebt, durch die sich Feld- und Wäl- der mahlen. Es fügen sich gewürzte Düfte der Bluhmen diesen Strahlen

bey. Es zeigt der Bäume kühlend Schweben, wie Gnaden-reich ihr Schöpfer sey. Es schallt der schnelle Wiederhall, es lispeln, Gott zum

Ruhm, gelinde Die sanften, ja es rasen gar vor Jhm die stürmerischen, Winde. Durch GOttes Allmacht brüllt der Donner, die hell- und

schnellen Blitze funkeln. Durch Seine Weisheit, ja, durch Jhn, verhüllt sich oft der Tag im Dunkeln. Sie preisen alle GOttes Güte, sie rühmen Seine weise

Macht, Wodurch die Blitze zitternd wittern, durch den der strenge Donner kracht. Der bang’ und blasse Schiffer sieht die wüterischen Stürm’

entstehen, Er fühlt, in widerwärtgen Stössen, sie schrecklich durch einander gehen. Das Heer der weiß beschäumten Wellen erhebet, wallet,

bäumet sich, Es macht ihr Weiß die dunkle Fläche des Meers noch eins so fürchterlich. Die Stoß- und Wirbel-Winde rasen, der strenge West, den

rauhe Nord Zerbrechen auch den stärksten Mast, ja reissen ganze Schiffe fort. Dann ruft er, aus der innern Seelen, der Wind und Wel-

len Herrscher an. Die Allmacht spricht. Jm Augenblick ist es mit ihrer Wut gethan. Es bebt das Heer der wilden Winde, der Stürme Schaa-

ren hören Jhn. Sein Wollen treibt sie aus einander, die Luft wird hell, die Wolken fliehn, Da denn so gleich, durch GOtt gezähmt, die stolzen Wellen

schnell sich lenken, Und, ohne Brausen, Zorn und Schaum in ihre vor’ge Tiefen senken. In diesen Wundern ganz vertieft, in den Betrachtungen

versenkt, Werd ich von neuen überführt, daß man nie würdiger ge- denkt Von Gott, nach Sein- und unserm Wesen, als daß wir

hier in Seinen Werken, Ohn alles Grüblen und Verketzern, Bewundrung, merken. Ein mehrers ist uns hier verborgen, ein mehrers scheint

uns nicht erlaubt, Als daß man das Vollkommenste von Jhm in Lieb und Ehrfurcht glaubt. Es zeigt hievon die Bibel selber am deutlichsten der Gott-

heit Sinn: Da, wie auch Moses grübeln wollte, und er, was Gott? Gott selber fragte; Die Gottheit selbst nichts anders sagte,

Als dieses: Und noch ein andermahl, da er von Gott mehr suchte zu verstehen, War dieß des Schöpfers Wort darauf:

kannst du nicht sehen. Ist es denn möglich, daß die Menschen sich bey der grossen Wahrheit trennen, So wunderliche Dinge denken, so abentheurlich Gott

erhöhn, Und alle fast auf andre Weise sich fähig halten, Jhn zu sehn, Und, was Gott selbst verbergen will, von Jhm zu sehn,

verlangen können?

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