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1680–1747

Der Apfel-Baum.

Barthold Heinrich Brockes

Mein Geist, entschlage dich der Sorgen! gieb allhier Nur fröhlicher Betrachtung Raum! Beschaue diesen schönen Baum, Erwege seinen Bau, den Stamm, des Wipfels Zier!

Komm, zähl’, in seiner Zweige Länge, Zu Ehren Dem, Der sie und alles macht, Der hohlen Ehren-Bögen Menge, Woran, mit lebenden Festonen ausgeschmückt,

Man ein Rubienen-Roht, und fast smaragdne Pracht, An Frucht- und Blätter-Werk erblickt! Schau, wie sie rings herum, durch eigne Frucht gebogen, (als wären sie,

In Regel-rechter Symmetrie, Recht in die Ründ’ herabgezogen,) Ein grün Gewölb im Cirkel-Schlag formieren! Schau, wie an ihm, mit Aepfeln ohne Zahl,

Die wie Rubienen glüh’n, im Sonnen-Licht zumahl, Die Zweige mehr, als wie mit Laub, sich zieren! Schau bey der Röht’ annoch der Schale Glätt’ und Glanz, Die halb sich röhtet, halb vergüldet,

Worauf die Sonne selbst, im kleinen Blick, sich ganz, Als wie in einem Spiegel, bildet! Wodurch der ganze Baum voll Kugeln von Rubien, An Röhte, Glätt’ und Schimmer, schien,

Wobey man oberwerts, auch unten bey den Stielen, Woselbst die Frucht stets etwas eingedrückt, Wenn sie die Sonne trifft, bey vielen Ein glänzend Cirkelchen, recht Silber-weiß, erblickt.

Unglaublich ist die mannigfache Weise, Wie, auf jedweden Apfels Kreise, Das bald sich ründende, bald rückwerts fall’nde Licht, Bald abwerts gleitend, sich bald senkt, bald bricht.

Wie mannigfach die schnell dadurch erzeugten Schatten Sich, unsrer Augen Lust noch zu vermehren, gatten. Wie oft ein nettes Schatten-Blatt Auf einem Apfel sich formieret hat.

Wie oft sich dunkle, grüne Stellen, Durchs schnelle Schlag-Licht, schnell erhellen. Durch welches bunte Licht- und bunte Schatten-Spiel Ein gleichsam bebendes annehmliches Gewühl

Jm ganzen Baum entsteht, das lieblich, bunt und schön. Ein menschlich Auge kann sich matt, nicht satt, dran seh’n. Wie ich mich nun gar oft an seinem bunten Schein Vergnügt’, auch oft dabey gedacht:

Gott Lob! Der diesen Baum gemacht! Gott Lob auch! daß er mein! Gott Lob! daß ich, wie er so schön, Kann mit gesunden Augen seh’n!

Gott Lob! daß ich, durch ihn, an Den, Der seine Pracht, Sowohl für mich, als jedermann, Aus lauter Lieb’ hervorgebracht, Mit Andacht und mit Lust gedacht!

Gott Lob! daß ich Jhm dank’, auch daß ich danken kann! Wie, sag’ ich, alles dieß oft bey dem Baum gescheh’n; Fragt’ einst mein Gärtner, ob ich wollte, Daß er, dieweil sie reif, die Aepfel schütteln sollte?

Ich konnte mich dazu zu anfangs kaum versteh’n, Weil ich die Augen-Lust nicht gern verlohr; Doch aber kam es mir, wie ich so dachte, vor, Als wenn der Baum, beschwehrt von seiner Kinder Last,

Mir, durch jedweden Zweig, durch jeden krummen Ast, Zu sagen schien: Ich trug die Bürde nun schon lange gnug für dich. Es wurden denn so gleich viel’ Körb’ herbeygebracht,

Der Gärtner kletterte den Baum hinauf, Die Kinder stunden allzuhauf, Mit über sich gekehrtem Blick, bedacht, Den baldigen gehofften süssen Regen

Mit vieler Emsigkeit zu sammlen, wie sie pflegen, Und oft die schönsten sich einander abzutauschen. Kaum hieß es nun: Jm Wipfel erst entstand,

Und gleich fast auf einmahl Ein starker Apfel-Sturm von oben in den Sand Herab stürzt, deren grosse Zahl, Nach ihrer Schwehre Grad, ein starkes Prasseln machte,

Die grossen trafen früh, die kleinen spät den Grund, Viel’ Blätter, die theils grün, theils bunt, So auch das Schütteln mit herunter brachte, Gelangten, weil sie leicht, am spätsten erst herab,

Und cirkelten sich in der Luft umher, Vergrösserten dadurch die Lust um desto mehr, Weil es ein frohes Anseh’n gab, Durch ihr sich wirbelndes und sinkendes Bewegen,

Von einem bunt-gefärbten Regen. Ich stand, und sahe dieß, mit Lust und Andacht, an, Und dachte, recht gerührt, als ich mich recht besann: “was erstlich dem Gesicht allein-

„muß itzt ein holder Vorwurf seyn „auch vom Geschmack, auch vom Gehör; „vermehrt denn dieß mit Recht nicht unsers Schöpfers Ehr?

„so laßt uns denn vergnügt dem Geber dankbar werden! „noch dacht’ ich ferner dieß, beym fröhlichen Getümmel: „jm Sommer kömmt, im Korn, der Segen aus der Erden, „jm Herbst kömmt er, im Obst, vom Himmel.

„soll unser Schöpfer denn für Seine milde Gaben, „in unsrer Lust, nicht einst ein dankbar Herze haben?

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