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1680–1747

Das Norder-Licht.

Barthold Heinrich Brockes

Wie ist es doch so hell? was ist es für ein Licht, Das, da der Mond nicht scheint, durch dunckle So dacht ich, als ich jüngst, fast mitten in der Nacht, Aus meinem Fenster sah. Doch wie ward mir zu Muth,

Als mein bestürtzter Blick sich in die Höhe zog, Und, daß ein’ allgemeine Gluth Durch alle Himmels-Theile flog, Recht mit Entsetzen fand!

Offt fliegt ein schneller Rauch, offt lässts, als ob von Ich, Streiffen-weis’ ein dünn Gestöber seh. Es blitzt’, es strahlt’, es schoß Ein wildes Feur durchs gantze Firmament.

Ein wallend Flammen-Meer ergoß, Mit einem dicken Schwall, Sich wie ein Blitz offt überall. Offt schien die schnelle Fluth zertrennt

In grossen Strömen fortzueilen; Bald waren Gluth und Fluth verschwunden; Die aber, wie der Blitz, geschwind aufs nen entstunden, Aufs neue wüteten, mit Strahl- und Feuer-Pfeilen

Begleitet und vermengt. Ein fürchterliches Wittern, Ein unbeschreiblich streng, offt wiederhohltes, Zittern Erschütterte, nebst allen Himmels-Theilen, Auch mein beklemmtes Hertz. Denn ob mir gleich der

Daß es das Norder-Licht, nicht unbekannt; So war iedoch das strahlende bewegen Des gantzen Firmaments so hefftig; daß ich mich Zu dencken, wie hier folgt, nicht kunnt’ entlegen:

Wie ist mir? schwindelt mir? zertheilet sich, zerfällt Der gantze Bau der Ober-Welt? Lodernde Flammen mit wallenden Blitzen, Fliegende Düffte, voll strahlender Spitzen,

Circkeln sich, wirbeln sich, schiessen zusammen; Leuchten und schrecken, verschwinden, entstehn, Wallen und wittern, erscheinen, vergehn. Allein:

Dort zeigt sich gar ein bunter Blitz und Schein. Gelb, feurig, grün und blau Färbt sich ein Flammen-Heer. Es schrecket und ergetzt zugleich, die bunte Gluth.

Recht wie die Wellen sich, in einer wilden Fluth, Bestürmen, fressen und verdringen; So sieht man hier, im bunten Feuer-Meer, Die regen Flammen sich verschlingen.

Was aber mag doch wol der Schein Recht eigentlich, und was die Ursach seyn? Auf! auf! mein Geist, du must dich aufwärts schwingen! Bestrebe dich, mit Ehr-Furcht, in die Tieffe

Der wirckenden Natur zu dringen, Zu unsers Schöpfers Preis’; üm auch in diesen Dingen Sein’ Allmacht, Seine Lieb’ und Weisheit zu besingen. Dieß wird, wenn auch ein Fehl mit unterlieffe,

Jhm hoffentlich doch nicht zuwieder seyn. Es scheinet zwar von diesem Lufft-Gesichte, Worauf ich nun mein dencken richte, Die Ursach diese: Wenn die Nacht

Auch noch so schwartz, so dunckel und so dicht; So ist dennoch, vom Sonnen-Licht Und ihrer immer hellen Pracht, Das gantze Firmament beständig angefüllt:

Ob gleich der Schatten unsrer Erden, Der, durch die Dichtigkeit derselben, uns ümhüllt, Das Licht nicht lässet sichtbar werden, Als welches, sonder Gegenschlag,

Auf unser Aug’ zu wircken nicht vermag. Daher nun kommt es mir Nicht unwahrscheinlich für, Daß etwa Dünste sich zu solcher Höh’ geschwungen,

Daß sie den Schatten durchgedrungen, Den unser Erd-Kreis macht: wodurch sie, von dem Schein Des Sonnen-Lichts so dann getroffen, sichtbar seyn. Allein,

Weil dieses gar zu fern, fällt mir ein’ Ursach ein, Die näher ist. Vielleicht kann dieses Licht entstehen Aus Dünsten, die voll Saltz, und die den Theilchen gleich, Die wir im saltzen Wasser-Reich

Jm dunckeln schimmern sehen. Des Windes Hefftigkeit, die sie zusammen treibet, Und dadurch an einander reibet, Verrichtet das vielleicht, was in des Meeres Fluth

Durch strengen Druck ein Ruder thut. Daß aber diese Gluth so schnell, so hefftig gehet, Kommt sonder Zweifel wol daher, Daß in dem grossen Raum, wo alles leer,

Nichts ihrem Triebe wiederftehet. Wer weiß, ob aus dem Nord-Pol nicht Ein Dufft-Fluß unaufhörlich bricht, Und üm den Kreis der Erden fliesset?

Der (wie man am Magnete sieht, Den man in Loder-Asche leget, Um den die Asche sich beweget, Und gleichsam Ost- und West-wärts flieht)

Beständig Ost- und West-wärts schiesset; Und daß, nur zu gewisser Zeit, Und Umständ, in der Lufft, der Dufft zur Sichtbarkeit, Durchs Sonnen-Licht bestrahlt, gelange.

Aufs mindste giebt es uns mit Recht zu überlegen, Was für Verändrungen, was für Bewegen Offt in der Lufft gewircket werden müssen, Wovon wir hier nicht das geringste wissen.

Jedoch, es sey auch was es sey, Hat iemand bessere Gedancken, So stimm’ ich ihnen gerne bey: Es ist mein End-Zweck nicht, zu zancken;

Rein, sondern aus dem Glantz, dem wir im Nord-Licht Nebst andern, mich, zum Ruhm des Schöpfers, zu er- Unglaublich ist, was diese Norder-Fluth Für Nutzen und für Dienst, im duncklen Norden thut.

Da in den langen Finsternissen Die Menschen heller noch, als wie vom Monden-Schein, Durch dieses Lufft-Gesicht, erleuchtet seyn. Wer wird aufs neu hieraus nicht anerkennen müssen,

Daß eine weise Macht den Bau der Welt formirt; Daß eine weise Macht denselben noch regiert; Und daß, wenn wir als Menschen leben wollen, Wir diese weise Macht, voll Andacht, preisen sollen.

Wir lassen denn zugleich, da wir die Wahrheit finden, Bey dieser nützlichen und schönen Norder-Gluth Mit Recht forthin den eitlen Schrecken schwinden, Und loben Den, der in der Lüffte Gründen,

Auf Erden, in des Meeres-Fluth, An allen Enden Wunder thut. Doch wollen wir zugleich die Macht des Bey solchen Wundern, fürchten lernen.

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