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1680–1747

Das Gras im Winter.

Barthold Heinrich Brockes

An dem erhabnen Wall und neuen Vestungs-Werken, Die, so wie es der Brauch, von Rasen aufgeführt, hab ich recht deutlich können merken, Sie sich der Erden Kraft, auch selbst im Winter, rührt.

ich konnte ganz bequehm, und ohne mich zu bücken, im Stehen, mit geraden Blicken, in dem gesenkten Werk an Flanken und Cortinen, auch in dem öfters noch beschneiten Grünen,

doch hie und da bereits des Grases Wachsthum sehn. Bewundernd sah ich es recht wunderbar entstehn. im Februario sah ich schon hie und dort von jungen Kräutern zarte Sprossen,

sind nahe bey, an einem andern Ort, kam kleiner Klee gemach hervorgeschossen. Oft sah ich durch ein kleines Ritzgen, das kaum zu sehen war,

in neu- gebohren Grases-Spitzgen, So zart, als wie ein grünes Haar, Sich sanft erheben, brechen, dringen. Es kamen diese Spitzgen mir,

Zumahl sie mehrentheils gedoppelt waren, für, als weñ das Kraut und Gras, nach Art der klugen Schnecken, zwey kleine Hörnerchen in ihnen von sich strecken, rum, obs schon für sie sicher, zu entdecken.

Indem ich hier vergnüget steh, und spitzes Gras fast wachsen seh; Uͤbrblick ich, voller Freude, zwischen verschiednen spitzen Grases Büschen

auch rund belaubten jungen Klee. Die süsse Bildung reizte mich, Auf seine Form’, wenn er entsteht, zu achten, Und recht, auf welche Art er sich

Aus seiner Mutter Schooß erhebet, zu betrachten. Da ich denn, mit Verwundrung, fand, Daß jedes Blatt sich in der Mitte bieget, Und so verschränkt zusammenfüget,

Daß alle drey kaum breiter als der Stiel. Wodurch mir denn zugleich, woher Ein Strich in aller Blätter Mitten, Als wär er eingekerbt und gleichsam eingeschnitlen,

Jm Klee sich immer zeigt, mir in die Augen fiel, Und daß es nicht von ungefehr. Ich ward hiebey noch mehr gewahr, So ich vorhero nicht beachtet,

Ob ich gleich öfters Gras betrachtet, Daß solch ein tiefer Strich so gar In jedem Spierchen Gras sich zeiget, Weil jedes Spierchen Gras, um besser durchzubrechen,

Und durch die Erde sich zu stechen, Gefaltet aus dem Boden steiget. Daher, wenn es nachher sich weiter treibt, Der Strich doch allezeit darinn verbleibt.

Wie ich neulich die Betrachtung von der Erden Schmuck, dem Grase, Da ich selbst im Grase saß, auch die andern, überlase; Fand ich zwar, daß von demselben was verhandelt, doch

dabey, Daß in diesem Wunder-Kraut mehr noch zu bewundern sey. Wie es angenehm beblühmet, wie die Farbe grün und schön,

Wie es Vieh und Thiere nähre, haben wir, mit Lust, gesehn. Aber, daß es wunderbarlich nicht nur Milch und Fleisch uns zolle,

Sondern Kleider, Strümpf’ und Schuh’, da es gar in Leder, Wolle, Horn und Federn sich verwandelt; dieses hatt’ ich nicht bedacht,

Sondern nur desselben Schönheit, Bildung, Farbe, Glanz und Pracht. Laß uns denn, geliebter Leser, dieß ein wenig überdenken! Laß uns unsers Geistes Kraft auf des Nutzens Menge

lenken, Die ein liebreich- weises Wesen in so kleinen Platz zu schränken, In ein so verächtlich Kraut die Beschaffenheit zu senken,

Voller Huld, entschlossen hat, wofür man Jhn billig ehret. Da es sich in alles fast, was uns kleidet, was uns nähret, Und Bequehmlichkeit verschafft, recht verwunderlich ver-

kehret. Sollt’ ein Baum an einem Ort etwan anzutreffen seyn, Der so viele, so verschiedne, und so nöhtge Früchte brächte; So eracht’ ich, daß man es als ein Wunderwerk bedächte.

Alles aber trägt nicht nur unser liebes Gras allein, Sondern es ist nicht zu zählen, wie von ungezählten Dingen, Allen Thieren, allen Menschen, Güter aus dem Gras

entspringen. Laßt uns künftig denn, wenn wir Gras auf unsern Wie- sen sehn, Nicht allein, wie es so lieblich, glänzend, zierlich, bunt und

schön, Mit erfreutem Blick, betrachten, sondern GOtt darinn erkennen, Der uns ungezählte Güter in dem Grase wollen gönnen!

Der in diese Segens-Pflanze Selbst Sich gleichsam sicht- bar macht, Und in diesem Wunder-Kraut, Welches Er, ohn’ unser Zuthun, giebt und gleichsam Selber

baut, Eine solche Weis’ erdacht, Und in seine zarte Fiebern eine Wohlfahrts-Quell’ gesen- ket,

Wodurch Er dem ganzen Thier-Reich Leben und Erhaltung schenket. Schenke, wunderbarer GOtt, denn auch uns Bedacht, Erkenntniß!

Sende Selbst in unsre Seelen Ueberlegung und Verständ- niß, Dank, Erkenntlichkeit, Bewundrung! Laß uns nimmer müde werden

In den uns von Dir gezeigten Wunder-Werken dieser Erden, In den herrlichen Geschöpfen, die so nützlich, die so schön, Dich allein, in froher Andacht, als die Urquell’ anzu-

sehn! Laß uns, in vergönnter Lust, durch der Cörper Bau ge- rührt, Zu derselben grossen Meister, bloß allein zu Dir geführt,

Und, absonderlich beym Grase, uns, mit frohem Ernst, bestreben, Jm Geschöpf Dich, seinen Schöpfer, recht von Herzen zu erheben,

Dir, nach aller Möglichkeit, Ehre, Preis und Dank zu geben, Und, aus kindlichem Vertrauen, wie Du es verlangst, zu leben.

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