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1680–1747

Das Erdbeeren-Land.

Barthold Heinrich Brockes

Indem ich jüngst, üm, Hamburgs Ländereyen, Wovon ein Theil mir anvertraut, zu sehn, Und auch zugleich, da sie so Segens-reich, so schön, Mich ihrer, und dabey des Schöpfers, zu erfreuen,

Bald hier-bald dorthin fuhr, und unter andern auch, Wie es bey uns im Junio der Brauch, Jm so genannten Erdbeern-Lande Mich, nebst den Meinigen, befande;

Ward, durch das liebliche Gepränge Der Vorwürff’, und derselben Menge, Mit welcher sich daselbst Lufft, Erd’ und Wasser schmückt, Mein Geist ob allen dem, was man erblickt,

Auch was man schmeckt und riecht, gerühret halb ent- Und in der Lust, zugleich des Schöpfers Macht gepriesen. Es schien das Feld kein Feld, die Wiesen keine Wiesen, Wol aber an Gestalt, an Frucht, an Pracht, an Schein,

An Ordnung, an Gewächs, an Bluhmen mancher Arten, Ein wol geordneter und eingericht’ter Garten, Wo nicht fast gar ein Paradies zu seyn. Es fehlte nichts als das, wodurch wir insgemein

Der Garten-Beeten Grentzen Umgeben und bekräntzen, Der Buxbaum nemlich, bloß allein. Man sah’, wohin sich auch die Augen drehten,

Fast nichts, als ungemessne Beeten Von Erbsen, Bohnen, Kohl, die wir in Gärten sehen. Recht nach der Linie gepflantzete Alleen Formirten, in kaum abzusehnder Länge,

Viel Lust-und Schatten-reiche Gänge, Als so viel ausgehaune Wälder. Zumahl ergetzeten die, in so grosser Menge, Und, recht auf Garten Art, nett angelegten Felder

Der Erdbeern, Aug’ und Hertz. So weit die Augen Den schnellen Blick zu führen taugen, Sieht man zuweilen nichts, als nur das schöne Grün Vom Kraut der Erdbeern, sonder Grentzen,

Auf sich sanft ründenden erhabnen Beeten gläntzen: Worunter ich, zumahl Von denen, die mir in der Nähe Die Frucht so roth, als wie Rubin,

Absonderlich im Sonnen-Strahl, Für Lust erstaunet, funckeln sehe. Doch, ach! rieff ich an vielen Orten, Mit noch von neuer Lust offt unterbrochnen Worten,

Bei eifrig eingezogner Lufft: Mein GOTT! von welchem süssen Dufft Aus Ambra, Jelsomin, Mosch, Balsam und Zibeth Verwunderlich gemischt, der uns ans Hertze geht,

Sind hier die Lüffte voll! ein parfumirter Schwall Wird, für der Menschen Nasen, Aus Bluhmen, Frücht- und Kräutern überall Hier ausgedünstet, ausgeblasen.

Kaum kann die strenge Lieblichkeit Von blühenden Orange-Sträuchen Den angewürtzten Düfften gleichen. Erweget doch, mit Danck, und mit Zufriedenheit,

Jhr Bürger Hamburgs, die ihr hier Die holden Düffte riecht, die ihr der Felder Zier, Pracht, Schmuck und Anmuth seht, die ihr die süssen Und mancherley daraus bereitete Gerichte

Jm Uberfluß geniesst. Kommt, lasst uns doch den Segen Nur erst mit Lust geniessen, dann erwegen, Daß GOTT sie wachsen lässt, daß GOTT sie uns ge- Und daß Er nichts dafür verlangt, als eine Brust,

Die durch Empfindlichkeit zur Lust, Und durch die Lust gereitzet und getrieben, Den, der es schafft und schenckt, zu ehren und zu lieben. So wenig ists, was Er für so viel Gaben

Von uns verlangt zu haben. Ja wenn mans recht erwegt, so will Er nichts für Sich: Denn unsre Lust ist eigentlich Dasjenige, woran Er sich (o grosse Lieb!) ergetzet;

Indem Er unsre Freud’ als Seine Freude schätzet. Ach! lasst uns denn mit Freuden uns bestreben, Mit unsrer Sinnen Krafft, im frölichen empfinden, Das dencken zu verbinden!

So werden wir mit Lust nach Seinem Willen leben. Kaum hatten wir Von diesem holden Lust-Revier Den Rück-Weg wiederüm genommen,

Auf dem beschatteten, und mit so manchem Stamm Von Esch-und Pappeln rings umher bepflantzten Damm, Auf welchem hin und wieder Die lieblich blühenden Schnee-weissen Flieder,

Wie weisse Rosen, stehn, Als unser Blick, so bald wir im Reth-Brok gekommen, Ein’ andre Art von Herrlichkeit verspührte, Da Aug’ und Hertz zugleich ein neuer Schau-Platz rührte.

Es fliesst ein schöner Arm der Elbe, So man die Der dicht bebüschte Strand, Voll Bluhmen, Schilff und Klee, bekräntzt und mahlt

Mit Farben, die nicht cörperlich, Mit Bildern, deren schöner Schein Dem Urbild Wunder-würdig glich. Auf dieser still-und klaren Fluth,

Die einem Spiegel ähnlich, lud Der Land-Voigt uns zu einer Lust-Fahrt ein. Wir fuhren denn, und kunten uns nicht satt An allem, was wir sahen, sehn.

Es war der Fluth Crystall so glatt, Daß iedes Kraut, daß iedes Blat, Daß iede Bluhme Wunder-schön Sich doppelt wies. Man sah’ im Dunckel-grünen

Der Jris Gold, der Flieder Silber-weiß, Blau, Purpur, mancher Art, auch Bluhmen, die Rubinen An Röthe gleichen, stehn. Unglaublich reich an Kräutern, Bluhmen, Büschen,

Ist hier der fette Strand; da nicht die Meng’ allein, Die Arten selbst fast nicht zu zehlen seyn, Die sich im grünen bald, und bald im bunten mischen: Fünf-Adern, Butter-Blat, Klee, Lottig-Kraut, Dolldillen,

Schilff, Müntze, Kälber-Kropff, Geersch, Haasen, Pöppeln, Gras, und zwar so mancher Art. Ach! seht in welchem Glantz, in welcher Zier, Die schönen Wasser-Liljen hier

Nicht nur wie Gold und Silber blühen; So gar in silbernem und güldnem Feuer glühen. Es scheint, ob prangt hier Kraut und Bluhmen in die Als ob ein iedes mehr und mehr,

Zu seines Schöpfers Preis und Ehr, Zu prangen, ein Verlangen hätte. So offt nun durch die Lufft das Urbild sanft sich reget; Wird die Copie zugleich sanft auf der Fluth beweget.

Hier, wo sich dunckel-grüne Schatten Von Büsch-und Bäumen, auf der Fluth, Die an derselben Wurtzeln ruht, Mit ihrer hellen Klarheit gatten,

Kommt dieser grüne Glantz, in seiner duncklen Zier, Den Augen fast nicht anders für, Als ob man wircklich in der Nähe In ein Smaragden-Bergwerck sähe.

In dieser dunckel-grünen Tieffe Scheint offtermahls ein Ort vergüldet; Ja wenn das Abend-Roth in dem Crystall sich bildet, Erscheinet in dem duncklen grünen,

In einem unverhofften Schein, Ein ander Bergwerck von Rubinen. Hier siehet man vom himmlischen Saphir Den blauen Glantz auf mancher Stelle schwimmen,

Und dort so gar der Sonnen Strahl und Gluth In einem Rosen-Farb-und güldnen Feuer glimmen. Es gläntzt die obre Fläch’, und funckelt nicht allein; Man siehet offt, indem der Fluß so klar,

Und gantz bis auf den Grund durchstrahlet war, Daß, ob die Strahlen gleich sich auf der äussern Flächen, Wo sie sich brechen, auch sich schwächen, Nicht ohne Lust, wie schön, wie bunt,

Wiewol in sanfftem Grün, der auch entdeckte Grund. Hier sah man langes Gras, das unvergleichlich grün, Zumahl, wenn es der Sonnen-Strahl beschien, Durch die bewegte Fluth beständig gleichsam schweben,

Und bald sich strecken, bald sich heben. Dort wird ein gleichsam güldner Sand In dieser klaren Fluth entdecket, In welchem hie und dort ein buntes Steinchen stecket.

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