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1680–1747

Das blühende Korn.

Barthold Heinrich Brockes

Als ich, mein blühendes Getrayde, Zum Ruhm des Schöpfers, anzusehn, Mit einer innerlichen Freude, Beschlossen hatt’ aufs Feld zu gehn;

(wovon ich jüngst, erstaunt, bemerkt, Daß es, durch Wärm’ und Thau gestärkt, In einer einzgen Nacht so gar Fünf Finger breit gewachsen war)

Sah ich den Rocken wunderschön, In Segen-reicher Zierde, stehn. Der Halmen Höh’ auf sieben Fuß, Die jedermann bewundern muß,

Die Dichtigkeit der Aehren Menge, Und über acht Zoll langen Länge, Die theils mit Purpur, theils im Grünen, Recht Seladon gefärbet schienen,

Und deren Schimmer-reiche Schaar, In wandelbarem Glanz, so gar, Den Tauben-Hälsen ähnlich war, War noch mit einer neuen Pracht,

Die ich nicht, sonder Lust, erblicket, Mit Bluhmen nemlich ausgeschmücket. Die, da sie sonst nicht sonders groß, Und fast Figur- und Farben-los;

Hier Form- und Farben deutlich zeigten. Ein länglich Blühmchen, gelblich grün, Hing überall, so, daß es schien, Da sich die meisten Aehren beugten,

Sie, durch die Meng’, herabzuziehn. Es hing die ungezählte Schaar An einem Fädchen wie ein Haar, Wodurch sie, wenn die Lüfte kühlten,

In stetiger Bewegung spielten Der gelben Blühmchen stetes Regen, Jhr sanft- und zitterndes Bewegen War, da sie von dem bläulich Grünen

Der Aehren ganz verschieden schienen, Noch mehr von denen, deren Rand Man purpur-roht gefärbet fand, In ihrem bunt- und sanften Spiel,

Dem Aug’ ein angenehmes Ziel. Der Aehren (aus denen, wie wir einst gesehen, Die Aehten ganz allein bestehen,)

Wodurch sie denn, verwunderlich, Vergrössert anzuscheinen fingen. Sie schienen, durch die Bluhmen, auch, Die sie fast überall umringen,

Und allenthalben abwerts hingen, Statt ihrer vor’gen Glätte, rauch. So bald ein sanfter Wind nun gehet, Und über diese Flächen wehet,

Bewegt sich alles: Es entstehet, Auf dieser anfangs ebnen Flur, Vom regen Wasser, die Figur. Es scheinen hin und wieder Wellen

Sich zu erhöhen und zu schwellen, Zugleich an unterschiednen Stellen Sich wieder niederwerts zu lenken, Und allgemählich sich zu senken,

Bald wiederum sich zu erhöhen. Da denn dieß holde grüne Meer Sich öfters, ganz beschäumet, wies, Indem der Aehren Purpur-Heer

Oft als ein Schaum von Purpur ließ. Wenn es nun still, ergetzet uns der schwehren Aehren sanftes Winken, Der glatten Halmen blitzend Blinken.

Bey dieser Schönheit dacht’ ich nach, Welch einen Ueberfluß und Segen Der Blühte liebliches Bewegen Annoch aufs Künftige versprach!

Und schloß: Wer mit vernünftigem und mit betrach- tendem Gemüht Die Wunder GOttes auf dem Felde, mit einiger Erwe- gung, sieht,

Wird, voller Anmuht, gegen GOtt, in froher Andacht zu entbrennen, Und Jhm ein dankbar Herz zu opfern, unmöglich sich enthalten können.

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