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1680–1747

Bluhmen.

Barthold Heinrich Brockes

Hierauf begeb' ich mich in meinem Sinn Nach einem Bluhmen-reichen Garten, Und blühendem Gefild’, im dencken, hin. O welch ein Schmeltz! wie viele Arten

Von schönen Farben! welche Menge! Und auch zugleich, o welche Symmetrie! Wie stimmt dieß gläntzende Gepränge, In einer süssen Harmonie,

Und, in dem bunten Wunder-Schein, Die holde Mischung doch so lieblich überein! Welch eine Schilderey! wer hat die Pracht So unbegreifflich schön gemacht?

Mit welchem Uberfluß sind hier die Zierlichkeiten Verschwendet! ach woher? aus welcher Schönheits-Quelle Sind solche reitzende Beschaffenheiten, Die wir aus einer ieden Stelle

In solcher Fülle sehn, entsprungen, herzuleiten? Was ist doch an ihm selbst der Ursprung solches Lichts, Der Freud, Ergetzlichkeit, und Nahrung des Gesichts? Wir wollen von dem Glantz und Schmuck, der allgemein,

Nun etwas weiter gehen, Und nur, von einigen insonderheit, Die Zierde, Pracht, und Bildung sehen. Lasst uns diejenigen, ohn auf die Wahl zu achten,

So ungefehr zuerst uns aufstösst, erst betrachten! Sie bricht nur eben auf, und hat noch allen Glantz Der frischen Lieblichkeit. Trifft man bey Menschen wol so helle Farben an?

Und die, zu gleicher Zeit, So sanft, so angenehm? Ist eine Kunst zu finden, Wodurch in einem Zeug man Fäden mancher Art So gar erstaunlich dünn’ und zart

Zusammen weben und verbinden, So überkünstlich fügen kann. Man bringe hier, Bey dieser bunten Blätter Zier,

Selbst Salomonis Kleid, Den Purpur seiner Herrlichkeit: Wie grob, wie ungleich, rauch! ja recht wie haarne Decken, Wie schlecht gefärbt, wie voller Flecken

Ist dieses, bey der Bluhmen Pracht, Gewebt, gefärbet und gemacht! Wenn aber auch die Bluhme nicht so schön In allen ihren Theilen wäre;

Kann man was zierlichers, als wie ihr Gantzes, sehn In ihrer Symmetrie? seht den Zusammenhang, Wie Regel-recht der Blätter Nang! Wie richtig, ordentlich ist im Zusammenhalt

Der gantzen Bluhmen Form und zierliche Gestalt: Man sollte, wenn man recht, mit achtsamen Gemüth Des Schöpfers Weisheit, Macht, ja fast Gefälligkeit, Von einer Bluhme sieht,

Fast glauben, daß derselbe Schein Beständig werd’ und müsse prangen. Allein, So ist sie allbereit,

Vom Morgen bis zur Nacht, verwelckt, und schon vergangen. Was sollen wir denn nicht gedencken Vom unermeßlichen und tieffen Ocean Der Vollenkommenheit, aus welchem auf ein Kraut

Sich solche Zier und Pracht, in solcher Fülle sencken, Die man doch so vergänglich schaut. Wie wird ein solcher GOTT nicht Geister schmücken Und sie beseeligen! Er, der mit solchem Schein

Der Thiere Futter schmückt! kann man so blind denn seyn, Nach Schönheit, Jugend, Ehr, mit solchem Ernst zu rennen, Und selbe wahre Güter nennen? Da selbe doch, den Bluhmen gleich, verschwinden,

Und öffters morgen schon nicht mehr zu finden.

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