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1680–1747

Betrachtung der Vögel.

Barthold Heinrich Brockes

Nach dem ich mancherley Geschöpfe schon beschrieben, Kann ich nicht länger widerstehn Der Neigung, die mich längst getrieben, Von allen Thieren, die so schön,

Die schönst- und zierlichsten, Um in derselben Bau, Geschwindigkeit und Pracht, Die Wunder Des, der sie gemacht, Mit tausend Freuden zu besingen.

Ach! laß, was ich von ihrem Heer, Zu Deines Nahmens Preis’ und Ehr, O Schöpffer, schreibe, wol gelingen! Befiedertes Geschöpff, das mit geschwinden Schwingen

Bald in der dünnen Lufft, und bald in dicken Wäldern, Auf hohen Zweigen bald, und bald in flachen Feldern, Bald schwebt, bald hüpfft, bald springt, bald fliegt, Und das mit schweben, hüpffen, springen,

Mit raschem fliegen, hellem singen, Sowol sich selbst, als uns vergnügt; Du zeigest der Vernunft, die dich betrachtet, Und auf dein sonderlich gebildet Wesen achtet,

Ein neues Feld voll Wunder, voller Macht, Und voller Weisheit Des, der dich hervor gebracht. Wie Bluhmen für die Nas’, und gleichfalls fürs Gesicht, Bewunderns-würdig zugericht’t;

So scheint der Vögel Schaar für Augen und für Ohren Recht eigentlich erschaffen und erkohren. Wer kann die zierliche Figur, Der Farben Glantz, dein schnell Gefieder,

Die Hurtigkeit der leichten Glieder, Bewunderns-wehrte Creatur, Ohn’ Anmuth, ohne Freude sehn? Wann sie sich schnell durch dünne Lüffte schwingen,

Recht wie ein Pfeil durch dichte Blätter dringen; Wann sie behend und rasch von Zweig zu Zweigen springen, Mit schlanckem Hals’ ihr kleines Köpffchen drehn, Durch Sträucher schlupffen, schweben, fliegen,

Mit schwancken Zweigen sich bald auf-bald abwärts wiegen; Bald auf ein steiffer Aestchen setzen, Jhr Schnäbelchen von beiden Seiten wetzen, Bald vor-bald hinterwärts bald hüpffen, und bald stehn,

Bald an ein kleines Zweiglein hangen, Bald eine Flieg’ im Fluge fangen; Sich ietzt in dick verwachsne Hecken, Mit schwirrendem Gepfeiff, verstecken;

Behende wiederüm erscheinen, und von neuen Mit tzwitscherndem Geräusch und tausend Gauckeleyen So Aug’ als Ohr erfreuen. Wann, sag’ ich, dieß ihr flüchtig Wesen

Ein auch nicht aufgeräumt Gemüth, Mit aufmercksamen Ohr- und Blicken, hört und sieht, Wird es von seinem Gram genesen. Es wird der Vögel Munterkeit.

Jhr frohes hüpffen, schertzen, springen, Jhr helles, Sorgen-freyes singen, Fast wider seinen Willen, ihn Aus seiner tieffen Schwehrmuth ziehn.

Zumahl wann er dabey gedencket, Daß, Der den Vögeln Nahrung schencket, Für ihn auch, hier auf dieser Erde, Schon für die Nothdurft sorgen werde.

Ach mögt’ auf diese Weis’ ein iedes Vögelein, Mein Leser, dir und mir ein lehrend Beyspiel seyn! Erweget ferner noch, geliebte Menschen, hier Der Vögel Form und Flug mit mir.

Der kleine Cörper ist fast einem Schiffchen gleich, Woran der Schwantz das Steur, die Flügel Ruder sind. Mit diesen theilen sie den Wind, Und schwimmen durch der Lüffte Reich.

Dieß Flug-Werck zeiget uns so viele Wunder an, Daß man das Werck-Zeug nie genug bewundern kann. Daß sie die Flügel nicht von forn-nach hinten biegen, Wie man die Ruder braucht; wol aber, wann sie fliegen,

Von oben unterwärts, ist zu bewundern wehrt: Weil sie dadurch nicht nur die dünnen Lüffte spalten, Nein, auch zugleich dadurch sich in der Höhe halten. Damit sie weniger in ihrer Fahrt beschwehrt,

Hat ihnen die Natur, üm fertiger zu schweben, Der Flügel untern Theil recht ausgehöhlt gegeben, Den obern aber rund, und halb gewölbt, formirt; Damit sie oberwärts leicht durch die Lufft geführt,

Und ohne Wiederstand sich fertig aufwärts ziehn, Hingegen unterwärts viel Lufft zusammen fassen, Und dadurch von der Lufft sich könnten tragen lassen. Das kleinste Theil ist nur am Cörper fest,

Wodurch er sich noch stärcker schwingen lässt. Betrachten wir der Fittigen Figur, Krafft, Wesen und Gebrauch, mein GOtt! wie zeiget sich In diesem Werck-Zeug die Natur

So künst- und so verwunderlich! Sie müssen Damit der Vogel könnte fliegen; Und sie sind

Das recht mit grossem Fleiß zu diesem Werck erlesen; Weil dessen Dehnungs-Krafft die Eigenschafft ihr bringt, Daß sie von selbst gerade wieder springt. Damit sie auch im Flug den Vogel nicht beschweren,

So sind sie An einem ieden Feder-Kiel Erblicket man unzehlig viel Noch immer mehr verkleinter Federn Spitzen,

Die Schuppen-weis’ in sich vereinet sitzen; Wodurch die Lufft sich nicht vermag zu drengen, So daß sie in der Lufft dadurch bequemer hängen. In iedem Zäserchen, wenn man es wol beachtet,

Und durch ein Größrungs-Glas dasselbige betrachtet, Trifft man, Mit fast erstauntem Aug’, ein’ eigne Feder an, Die ja so schön gebildet und formirt.

Sie ist mit ja so vielen Ecken, Als ihre Mutter selbst, geziert. Was können wir für Wunder mehr entdecken, Wann wir, auf welche Art die Vögel gehen, stehn,

Und auf den Zweigen sitzen, sehn. Es sind drey Biegungen an iedem Bein zu finden, Die sich mit einer Nerv’ auf solche Art verbinden, Daß, da gedachte Nerv’ üm alle die drey Glieder,

Von oben ab hernieder Bis üm und in die Zehe geht, Sobald ein Vogel-Fuß gerade steht, Die Zehe sich bequem verbreiten,

Und aus einander spreiten. Wann aber sich das Bein mit seinen Gliedern krümmt, Die Nerve sich einfolglich dehnen muß; So ziehet er den gantzen Fuß,

Nebst allen Zehen, fest zusammen: Wodurch der Vogel denn verschiedne Vortheil nimmt, Die all’ aus diesem Grunde stammen. Da nicht allein ein Vogel, welcher schwimmt,

Ohn ein so künstliches Zusammenziehn, Indem das Wasser forn ihm widerstehen würde, Um fort zu gehn sich würd’ ümsonst bemühn; Nein, sondern auch an Vögeln, so auf Spitzen,

Und auf der Bäume Zweigen sitzen, Sind eben, weil die Beine krumm gebogen, Durch die gedehnte Nerv, die Zehe krumm gezogen; So daß dadurch der Ast,

Durch ihres Cörpers eigne Last, So fest beklemmt wird, und ümfasst, Daß, auch so gar im Schlaff, und gegen Sturm und Wind, Für Sturtz und Fall sie sicher sind.

Laß solche Wunder doch, o Mensch, nicht aus der Acht, Betrachte sie, und rühm’ in ihnen Dessen Macht, Der alle Ding’ hervor gebracht. Wann wir nun ferner überlegen,

Und, in der Vögel Reich’, erwegen Den wunderbaren Unterscheid An Grösse, Zier, Beschaffenheit, Verändrung, Farben, und Figur,

Flug, Nahrung, Wohnung und Natur; Erstaunen wir mit Recht, weil sie fast nicht zu zehlen. Doch theilet man sie insgemein In Wasser-Feld-Haus-Raub- und Singe-Vögel ein,

Wovon wir denn für ietzt nur bloß die letzten wehlen. Wann uns in holder Frühlings-Zeit, Bey reiner Lufft und heiterm Wetter, Ein jüngst begrünter Wald zwar Millionen Blätter,

Doch noch mehr Lust und Lieblichkeit In seinem grünen Schatten zeiget; Wann von der kleinen Sänger Schaar So mancher Zweig, bald hier bald dar,

Sich durch den schnellen Flug, und frohes Hüpffen, beuget, Erfüllt ihr Lieder-reicher Chor Und helles Gurgeln Luft und Ohr, So daß vom locken, schlagen, singen

Und zwitscherndem Geräusch, so Berg als Thal erklingen. Wie lieblich musicirt, und singet, GOtt zum Preise, Der Stieglitz, Emmerling, der Hänfling und die Meise, Das Zeischen und der Finck, zumahl die Nachtigall,

Wann sie, mit hellerm Thon, und weit geschärfftern Schall, Durchs zwitschernde Geräusch so vieler Sänger dringet, Und künstlicher, als alle, singet! Warüm nun gläuben wir, daß sich das kleine Heer,

Mit solch unzehligen Verändrung- und Manieren, So lieblich, angenehm und füß zu musiciren, Mit solchem Fleiß bestreb’? Ist es ein Ungefehr, Daß sie so singen heisst? Ach nein!

Wo wir vernünftig seyn, So kann man ja wol anders nicht gedencken, Als daß der grosse Schöpfer ihnen, Um Jhm, auf ihre Art, zu Seiner Ehr zu dienen,

Und auch zugleich uns mit dahin zu lencken, Die Werck-Zeug, Fähigkeit, und Lust dazu zu schencken, Sie wehrt gehalten hat. Es kommt mir vor, Als ob der kleinen Sänger Chor,

Damit er Dem Lob, Preis und Ehre gebe, Durch den allein die Wälder grünen, Dem alle Creaturen dienen, So süß zu singen sich bestrebe.

Mich deucht, kann ich gleich nicht der Vögel Sprach’ er- In ihrem singen dieß zu finden: „es ist bloß Deine Gnad’ allein, „o HERR, daß wir erschaffen seyn.

„wir können an des Frühlings Schätzen „und Lieblichkeiten uns ergetzen. „unzehlig sind die Wunder, die die Welt, „zu unsrer Aumuth, in sich hält.

„mit wie so mancher Freud’ und Wonne, „mit wie viel Lieblichkeit und Lust „erfüllet unsre kleine Brust „der Wärm- und Strahlen Quell, die Sonne!

„wie schön, wie Wunder-schön „sind Erd und Himmel anzusehn! „daß wir so schnell die Schwingen regen, „so fert- und hurtig uns bewegen,

„ist einzig uns von Dir verliehn. „so wollen wir auch, Dich zu Ehren, „und Preis, und Ruhm, und Danck Dir zu gewähren, „mit allen Kräfften uns bemühn.

„und weil wir denn von allen Gaben „nichts edlers, als die Stimmen, haben, „so lassen wir sie denn ohn Unterlaß erklingen. „wir können zwar, o Schöpfer, Deine Macht

„und Majestät in Deiner Wercke Pracht „nicht nach Verdienst erhöhen und besingen, „noch Deiner Wunder Meng’ erzehlen: „doch können wir vielleicht mit unsrer kleinen Kehlen

„bewunderns-wehrten Lieblichkeiten, „vollkommnere Geschöpf’ als wir, „nebst uns, zur Lust und Andacht leiten. Ja, ja! so singen sie, ob wirs gleich nicht verstehn,

Und wenn sie den Gesang auch selber nicht verstünden; So sollten wir dennoch, die wir viel weiter sehn, Den Inhalt ihrer Lieder finden, Uns, durch empfundne Lust, zu ihrem Schöpfer lencken,

Und Seinen Ruhm stets zu vermehren dencken: Da uns die Lieblichkeit der süssen Stimmen rührt, Und uns recht in die Seele dringet; Wodurch, indem sie uns mit Recht zum Schöpfer führt,

Danck, Ehr-Furcht, Lieb’ und Lob aus unsrer Lust ent- So lasst uns doch nicht minder uns bemühn, Durch unsre Lust an unsers Schöpfers Wercken, Auch edlere Geschöpf zu Seinem Ruhm zu ziehn,

Und Engeln, oder seelgen Seelen, Auch unsre Freude nicht verhehlen: Wann sie in unserm Lob-Gethön, Ein durch die Creatur gerührtes Hertze mercken;

Wann sie, bey unserer Betrachtung, sehn Ein sehnend Aug’ und fröhliche Geberden, Und durch dieselbigen von der in unsrer Brust Gefühlten innern Lust

Gerührt und überführet werden; So kann gewiß das helle schallen Der Lieder-reichen Nachtigallen Der Menschen Ohr so sehr nicht rühren, und gefallen,

Als stille Seufzer, frohe Minen, Die ein betrachtetes Geschöpf In uns erreget, ihnen Vergnügen, Anmuth und Ergetzen

Erregen muß, und sie noch mehr und mehr Zu ihres Schöpfers Preis und Ehr, In eine seelge Freude setzen. Wer wollte denn nicht gern,

Bey so viel selbst gefühlter Lust, So gar der Engel Lust, und aller Engel HErrn Lob, Ehr und Preis, zu mehren, zu erheben, Lobsingend sich beftreben?

Wer wollte nicht, wie uns die Vögel hier auf Erden, So ihnen dazu gern ein klingend Werck-Zeug werden?

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