Da ich allhier, des Meeres Anfang, im Mund der Elbe, täglich sehe, Wenn ich, von dem erhabnen Schloß, des breiten Wassers flache Höhe,
Die uns nur sich, und Luft und Himmel, und keinen andern Vorwurf, weiset, Die keine Schranken, Ziel noch Grenzen, die keinen Strand, kein Ufer kennt;
So deucht mich, (da dieß wild und prächtig, und nütz- und schrecklich Element, In seiner Grösse, Macht und Schönheit, besonders Dessen Allmacht preiset,
Durch Dessen Wink es ward und ist, durch Dessen Hauch es währt und fliesset, Durch Dessen Wort und gnädigs Wollen, aus diesem Meer, ein Segens-Meer,
Nicht nur allein fürs veste Land, für aller Creaturen Heer, Für alles fast, was Odem hat, in reicher Fülle sich ergiesset;) Daß es ein würd’ger Gegenwurf, und Stoff für wahre Menschen-Seelen,
Um, in den ungezählten Wundern, von noch viel grössern Wunder-Werken, Des grossen Schöpfers aller Dinge, zu Seinem Ruhm, viel zu bemerken,
Viel, voller Ehrfurcht, zu bewundern, und etwas davon zu erzehlen. Des Meeres innrer Zustand ist zwar unsern Augen unent- decket;
Allein, wir können, wenn wir wollen, aus mancherley Er- fahrung sehen, Wie es in seinen tiefen Gründen doch ungefehr wol müsse stehen,
Und wie die hohle Schooß der See voll ungemeiner Wunder stecket. Auf! laßt uns in Gedanken denn einst in des Meeres Abgrund steigen,
Um die daselbst verborgne Werke, Dem, Der sie wirkt, zum Ruhm, zu zeigen. So senk ich denn, in GOttes Namen, zu GOttes Ehren, meinen Geist
Hier in des Meeres dunkle Tiefe. Doch halt! werd ich auch ohne Grauen, Was mir des Abgrunds hohler Schlund für einen fremden Zustand weist,
Die ungeheure Wasser-Last, des Meeres wilde Wunder schauen? Hier hangen ausgehöhlte Lasten von Felsen, die den Augen- blick
Von oben abzustürzen drohn. Ein Meilen lang- und dickes Stück, Ja, welches wegen seiner Grösse sich gar nicht übersehen läßt, Ist öfters gleichsam sonder Stützen, und scheinet offen, gar
nicht vest. Ja, ja, ich sink! itzt bin ich da. Mein GOtt! was hör und seh ich hier! Mich überfällt ein schneller Schauer, ich fühl ein innerliches
Grausen, Ob ganzer Flüsse Schuß und Sturz, so, in der tiefen Wasser- Welt, Von ungemeßner Felsen Höh, hier brüllend durch einander
fällt. Entsetzlich ist der Strudel Macht, fast unerträglich ist ihr Brausen; Der abgerollten schweren Fluhten gepreßt’ und wallende
Gewalt Reißt durch geborstne Klippen fort mit recht betäubendem Gebrülle. An einem andern Ort hingegen ist die gedeckte Tiefe stille,
Und unterscheid’ ich hier und dort, von dem verborgnen Auf- enthalt, Der feuchten Gegenwürfe Menge, in dem durchsichtigen Gewässer,
Den fetten Grund, die rauhen Seiten, der Berge Brüch’ und Höhlen besser. Mein GOtt! welch ein verworrnes Wesen, ohn’ Ordnung! rief ich alsobald.
Wie ist, von diesem Reich der Tiefe, doch die Gestalt so unge- stalt! Gespaltner Höhlen dunkle Rachen, gebrochner Berge blinde Klüfte,
Verworrne bodenlose Schlünde, mit ew’ger Nacht erfüllte Grüfte, Unordentliche Felsen-Klumpen! Von Kiesel-bald, bald Mar- morstein,
Ein wild zu Hauf groß, bald klein, Ein dichter bald, bald luckrer Haufen, ein’ ungeheure Klippen-Last,
Die von der Sonnen nie bestrahlet, ein tief- und schlüpfriger Morast, Ein harter Kieß, ein fetter Schlamm, voll widerlicher Kle- brigkeiten,
Bedecken und formiren theils die ausgenagten schroffen Seiten Der gähen aufgerißnen Höhlen, in welchen öfters eine Schaar
Beschuppter wilder Wasser-Wunder und Ungeheur zu sehen war, Die, mit entsetzlichem Getös, wenn sie auf ihre Weise spielten, Durch ihre Last, Gewalt und Stärke, des Bodens zähen
Grund durchwühlten. Hier, deucht mich, hör ich dich, mein Leser, mir einen starken Einwurf machen: “da ein so wild verworrnes Wesen, ohn’ alle Ordnung,
überall, „fast in dem größten Theil der Welt, und den daselbst vorhandnen Sachen, „daß man darob erschrickt, regiert; so scheints, daß mehr
durch einen Fall, „als durch ein weises Ueberlegen, der größte Theil der Welt entstanden, „da nichts, als Finsterniß und Schrecken, im größten Theil
der Welt, vorhanden. Allein, du übereilest dich, und wirst vielmehr, mit mir, gestehen, Wenn du den unterirdschen Zustand, mit mehr Erwegen,
angesehen, Daß das, so uns unordentlich, verwirrt und fast erschrecklich scheinet, Doch größre Weisheit mehrer Ordnung und Absicht zeigt,
als wie man meynet. Sprich selber, wenn die düstre Tiefe der Abgründ’ in dem weiten Meer, Mit vieler Ordnung ausgezieret, nach Maaß und Kunst
gebauet wär; Für wen sollt’ alle Ordnung seyn, für wen ein Regel-recht Gebäude? Auch selbst Eugenii Pallast würd’ einem Wallfisch wenig
Freude, Die schönste Kirch’ in Rom und Londen würd’ Hayen, Wall- roß, Wasser-Drachen, Wenn sie sie gleich bewohnen sollten, gewiß kein groß Ver-
gnügen machen. Weil nun den Bürgern dunkler Tiefen, ohn’ Einsicht, sonder Geist und Witz, Kein’ Ordnung, keine Maaß und Regel, Pracht, Herrlichkeit
und Bau-Kunst nütz; So findet sich auch nichts dergleichen: daher, auch selbst im Mangel, man Hier eines weisen Schöpfers Finger verspüren und verehren
kann: Da uns hingegen, weil dem Geist, für Ordnung, Maaß und Symmetrie, Für Licht, für Zierlichkeit und Schönheit, auch für der
Farben Harmonie, Bewunderns-wehrte Fähigkeiten, von unserm Schöpfer, eingesenkt, Auf unsrer Welt, dergleichen Vorwürf’, in solcher Menge,
sind geschenkt. Zudem sind in der Wasser-Welt, und in des Meeres tiefen Gründen, Die Spuren Seiner weisen Allmacht, auf andre Weise, gnug
zu finden. Die schönen Bildungen der Fische, der Schmuck von Millionen Schnecken, Die Pracht so vieler Meer-Gewächse, die wir im tiefen Meer
entdecken, Wo so viel platt-belaubte Büsche, wo ganze Wälder von Corallen, Wo solch ein reicher Schatz von Perlen, die, an Figur und
Farben, schön, Zusammt den bunten Perlenmüttern, wo rein’ und klare Berg-Krystallen, Wo Millionen Creaturen, die alle zierlich sind, zu sehn;
Die alle können unserm Geist, wenn wir auch in die Tiefe steigen, Auch dorten eine Weisheit, Allmacht und Liebe, kurz, den Schöpfer, zeigen.
Der Boden, wie er auf der Fläche, der trocknen Erde, mancher Art; So ist er gleichfalls unterm Wasser, weich, steinigt, sandigt, fruchtbar, hart:
Daher an vielen Orten nichts, an vielen Orten, wie auf Erden, Auch mancherley Gewächs und Kräuter erzeugt und angetroffen werden.
Ja, wie wir auf der Oberwelt bald Berge, Thäler, Tief’ und Höh'n, Bald ebne Felder, Klippen, Flächen, bald höckerigte Stellen sehn;
So sind dergleichen Gegenden auch in des Meeres tiefen Gründen, Nebst Höhlen, Grüften, Brüch- und Klüften, weit mehr, als hier genannt, zu finden.
Dieß wäre denn, was von den Wundern, die in des Mee- res Tiefen stecken, Mein Geist, mein ganz erstaunter Geist, geschickt gewesen zu entdecken.
Nunmehro scheinet Blick und Geist ermüdet. Ich kann, ohne Grauen, Das dunkle Reich der Meeres-Tiefe, fast ganz erstarrt, nicht ferner schauen.
Es schwinget sich denn, aus dem Abgrund, itzt mein betäubter Geist empor, Und steiget, durch die dunkle Last der Fluhten, an das Licht hervor.
Jtzt schau ich, weil ich mich, vom Meer, noch nicht entfernen kann noch muß, Auch seiner Oberfläch Gewalt;
Denn auch, wenn Luft und liche Gestalt; Und endlich seiner fluß,
Mit Loben und Bewundern an. O grosser Schöpfer! laß mein Lallen Von Dir, in Deinen Wunderwerken, wie schlecht es gleich, Dir doch gefallen!
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