Dieses ist's, was von den Sinnen Unsern Sinnen ist bekannt. Hat man aber gleich hierinnen Alles Sinnen angewandt;
Bleibt das Wesen doch verborgen, Ungeachtet aller Sorgen. Muß der Klüg’ste doch gestehn, Daß wir kaum den Schatten sehn.
Daß wir aber dieß nicht fassen, Dürfen wir uns warlich nicht Gar zu sehr befremden lassen. Hätten wir nur vier gekriegt,
Sag’t, wer würde dann wol können Auch des fünften Kraft nur nennen? Daß uns also viel verhel’t, Kommt, weil uns der sechste fel’t.
Welchen, nebst viel andern Gaben Kräft- und Sinnen, gar vielleicht And’rer Erden Bürger haben, Die GOTT ihnen dargereicht,
Daß auf mancher Ahrt und Weise Die verschied’nen Himmels-Kreise Seine Grösse sollten sehn, Und Sein’ Allmachts-Kraft erhöhn.
Ja wer weiß, wann wir verkläret Durch den Tod ins Leben gehn, Was alsdann uns wiederfähret, Ob uns GOTT nicht ausersehn,
Uns in jenem sel’gen Leben And’re Sinne noch zu geben, Und zwar immer mehr und mehr Zur Vermehrung seiner Ehr.
Warum will man denn ergründen, Was nicht zu ergründen steht? Lass’t so saure Mühe schwinden, Drin die Zeit umsonst vergeht!
GoTT hat uns in diesem Leben Die fünf Sinne bloß gegeben, Um in Jhm vergnüg’t zu seyn, Und sich Seiner zu erfreu’n.
Lasset uns doch überlegen, Daß fast alles auf der Welt Bloß um uns’rer Sinne wegen, Sey gemacht und vorgestellt;
Daß die Luft, das Licht, die Erde Uns’rer Sinne Werkzeug werde; Daß so viel so vielerley Zu den Sinnen nötig sey;
Daß der Pflanzen, daß der Tiere Absicht, Nutz und Zweck allein, Bloß damit man sehe, spüre, Schmecke, hör’ und füle, seyn;
Daß selbst unser Leib von innen Und von aussen bloß den Sinnen Mit so mancherley Bemühn Kräft- und Eigenschaften dien.
Wenn wir unsern Leib von innen Mit Aufmerksamkeit besehn; Spüren wir, daß für die Sinnen Alle Wirkungen geschehn;
Daß sich unser Herze reget, Daß sich unser Blut beweget, Daß es wie ein Brunnen springt, Und durch tausend Adern dringt;
Die besond’re Kraft der Nieren, Daß die Leber das Geblüt, Nebst der Milz, weiß zu formiren, Daß die Lung’ uns Atem zieht;
Uns’rer Nerven zarte Gänge, Der Gedärme Läng’ und Menge, Daß des Magens rege Kraft Allen Teilen Narung schafft.
Aller dieser Eingeweide Unerforschliche Natur Zielet auf des Cörpers Freude, Dienet den fünf Sinnen nur.
Denn die uns verborg’nen Säfte Geben unsern Sinnen Kräfte, Und ihr Endzweck ist allein, Daß die Sinne sinnlich seyn.
Zeigen solche Wunderwerke, Die kein Mensch begreifen kann, Keine Weisheit, Liebe, Stärke, Noch den Wehrt der Sinnen an?
Ich erschrecke, wenn ich denke, Wie so wenig dieß Geschenke Und des grossen Gebers Macht In denselben wird geacht’t.
Sprich, verstockter Atheiste, Wenn ein Mensch auf Erden wär, Welcher solche Künste wüste, Daß er Augen, das Gehör,
Riechen, Fülen, Schmecken, Denken Dir vermögend wär zu schenken, Und er schenkte sie denn dir, Danktest du ihm nicht dafür?
Solltest du wol sagen können: Alles dieß ist keine Kunst, Und was er mir wollen gönnen, Rechne ich für keine Gunst?
Nein, unmöglich wird auf Erden Solch ein Vieh gefunden werden. Da es aber GOTT gemacht, Schläg’t man’s leider aus der Acht.
Lasst uns doch den Schöpfer ehren, Wenn wir recht was schönes sehn! Wenn wir etwas lieblichs hören, Lasst uns Seinen Ruhm erhöhn!
Wenn uns Riechen, Fülen, Schmecken Anmut, Lust und Freud’ erwecken; Lasst uns in Zufriedenheit Zeigen uns’re Dankbarkeit!
Solch ein Dank-erfülltes Lallen, Wenn’s auch denkend nur geschicht, Muß dem Schöpfer wolgefallen. Dieß ist aller Menschen Pflicht;
Denn wenn man es nicht erkennet, Wie viel Gutes GOtt uns gönnet, Und es nicht einmal bedenkt; Ist’s, als wär’ uns nichts geschenkt.
Nach der Menschen Ahrt zu sprechen, Scheint zwar dieses Laster klein; Aber warlich kein Verbrechen Kann GOTT mehr zuwider seyn.
Solche Wunder nicht betrachten, Heisst ja, selbige verachten, Und aus diesem Undanks-Meer Fliessen alle Sünden her.
Wir sind Sinn-reich, uns zu qvälen, Und vergrössern uns’re Pein; Dennoch wünschen uns’re Selen, Allezeit vergnüg’t zu seyn.
Nun, zu diesem Zweck zu kommen, Thut, was ihr anitzt vernommen! Zur Vergnügung eurer Brust, Ehret GOTT in eurer Lust!
Sollten uns’re Sinne taugen, Tiefer, als sie thun, zu gehn, Könnten wir durch unser’ Augen Als durch ein Vergröss-Glas sehn;
Würd’ uns für uns selber grauen, Sollten wir die Haut beschauen, Die ja dann, als wie ein Bär, Rauch und recht abscheulich wär.
Zwar man würd’ auf solche Weise Viele Kleinigkeiten sehn; Doch wie dürft’ es um die Kreise Jener grossen Cörper stehn?
Von den schönen Himmels-Lichtern Würde menschlichen Gesichtern Nichts, bey allem Glanz’ und Schein, Jm geringsten sichtbar seyn.
Wär’ ein Auge so gebeuget, Wie ein Fern-Glas, das allein Diese Ding’ uns deutlich zeiget, Die von uns entfernet seyn;
Würden dann die nahen Sachen Uns nicht ganz verwirret machen? Also geht’s mit dem Gebrauch Uns’rer andern Sinnen auch.
Könnten wir viel schärfer hören, So, wie oftermals geschicht, Wenn man durch die Ohren-Rören Oder Sprach-Trompeten spricht;
Welch verworr’nes lautes Schallen Würd’ uns in die Ohren fallen? Ein so wild Geräusch allein Würd’ uns unerträglich seyn.
Wär’ auch des Gefüles Wesen Schärfer, und von solcher Ahrt, Wie uns GOTT zum Aug’ erlesen; Vieler Cörper Gegenwart
Wär’ uns schmerzlich und verdrießlich. Gleichfalls wär’ es nicht ersprießlich, Wenn der Zungen Kraft, die schmeckt, Weiter sich, als itzt, erstreckt.
Wenn auch der Geruch sich schärste, So daß man, den Hunden gleich, Alle Dinge riechen dörfte; Wie verdrießlich würden euch
Allerley Geruch der Erden, Ja der meisten Dinge, werden? Wir empfünden jederzeit Ekel, Abscheu, Widrigkeit.
Wer kann GOttes Lieb’ ergründen? Wer kann Seine Macht versteh’n? Daß wir ohne Müh’ empfinden, Hören, riechen, schmecken, seh’n
Sonder Arbeit und Studiren, Kann man durch die Sinne spüren. Diese Gab’ allein ist wehrt, Daß man GOTT allein verehrt.
Wie der Sonnen Geist die Hölen Uns’rer Luft im Stral durchbricht; Also stral’t aus unsern Selen Ein beständig sinnlich Licht,
Wodurch aller Menschen Sinnen Die Empfindungs-Kraft gewinnen. Alles, was man sinnt und thut, Stammt aus dieser innern Gluht.
Diesen wiederhol’ten Lehren Folge denn doch jedermann! Braucht dieß Licht zu GOttes Ehren! Seht die Welt mit Andacht an!
Such’t mit GOttes Werk die Selen Durch die Sinne zu vermälen, Und erzielt, wenn ihr euch freu’t, Kinder brünst’ger Dankbarkeit!
Müsst ihr nicht auch, wider Willen, Zu des Höchsten Preis’ und Ehr’ Alles, was er will, erfüllen? Wollet ihr denn nicht vielmehr
Jhm von selbst zu Dienste leben, GoTT in eurer Freud’ erheben, Seines Namens Ehr’ erhöhn, Und mit Lust Sein Werk besehn?
Wenn der Schöpfer nichts, als Schmerzen, Statt der Lust uns eingepräg’t, Und nur bloß für Pein im Herzen Ein’ Empfindlichkeit geleg’t;
Wär’ uns unser Leben täglich Nur ein Scheusal, unerträglich, Ein’ abscheulich schwere Last, Ja mehr, als der Tod, verhasst.
Sey denn, grosser GOTT, gepriesen! Daß aus lauter Gnaden nur Du uns so viel Gnad’ erwiesen, Und der menschlichen Natur
So viel Freud’ und Anmut schenkest, Sie mit Lust und Wonne tränkest, Da uns jedes Sinnes Kraft Tausendfach Vergnügen schafft.
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