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1680–1747

Anmuth in Betrachtung der Creaturen.

Barthold Heinrich Brockes

Wenn wir des Schöpfers Werck bewundernd überle- gen, So finden wir, daß nicht allein Die Creaturen uns zu GOTT zu führen pflegen, Und gleichsam Himmels-Leitern seyn;

Wir finden, wenn wir sie recht mit Vernunft erwegen, Daß sie ein Freuden-Licht, und einen Anmuths-Schein In ihrem Wesen wircklich hegen. Die unser Schöpfer in der That

Als einen Lohn darin zu legen, Sie gnädiglich gewürdigt hat. Sprich nicht, geliebter Mensch: ich seh ein solches Licht, Solch einen Anmuths-Schein und Lohn in ihnen nicht.

Wenn solch ein Freuden-Glantz die Creatur erfüllt, So wär sie ja wol nicht so sehr darin verhüllt, Verborgen und versteckt. Du irrest dich. Denn höre, Wofern dein Mund nie Honigseim geschmeckt,

Und wo Erfahrung dir es nicht entdeckt, Daß diese Süssigkeit in bunten Bluhmen steckt, Du leugnetest gewiß, so starck, als unsre Lehre, Daß in den Bluhmen Honig wäre,

Der doch wahrhaftig da. So steckt auf gleiche Weise, Zu deiner Lust, und deinem GOTT zum Preise Auch eine wahre Seelen-Speise Ein Seelen-Honig in der Blühte,

Ja überall in ieder Creatur. Laß dein aufmercksames vernünftiges Gemüthe Der regen Bienen Stelle nur In fleissigen Betrachtungen vertreten:

So wird, wie sie, mit frohem sumsen, thun, Auch dein vergnügter Sinn nicht ruhn, Voll froher Danckbarkeit, den Schöpfer anzubeten. Je mehr du nun darin Sein’ Allmacht wirst ergründen;

Je gröss’re Süßigkeit, Lust, Anmuth und Vergnügen, Die wunderbar darin verborgen liegen, Wird dein erquickter Geist, zu seiner Nahrung, finden. Ja nicht nur dir allein;

Auch andern wird der süsse Safft Der in der Creatur verhandnen Eigenschaft Ein süsser Seelen-Honig seyn.

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