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1680–1747

1.

Barthold Heinrich Brockes

Betrübter Geist, besinne dich! Du bist dir selber hinderlich; Du überlegest nicht den Wehrt Des Guten, so dir Gott beschehrt.

Dieß ist der Grund, warum die Welt, Die Gott erschuf, dir nicht gefällt. Durch jedes Sinnes offnes Thor Legt Gott dir tausend Schätze vor,

Er baut in solchem Ueberfluß Dir so viel Güter zum Genuß. Du brauchest, nimmst und nützest sie; Doch du erfreust dich ihrer nie.

Wie manchen Schatz, wie manches Gut Reicht dir die Erde, Luft und Fluht? Sie zinsen dir Trank, Speis und Kleid, Zur Nohtdurft, zur Bequemlichkeit.

Was zeiget dir der Sonnen Licht Für ungezählte Schönheit nicht? Es zeugt und zeigt ihr Wunder-Strahl Dir Wälder, Felder, Berg’ und Thal,

Gebüsche, Gärten, Bluhmen, Gras, Korn, Obst, zusamt der Reben Naß. Mit Vögeln, Fischen, Thieren, Wild Hat Gott für dich die Welt erfüllt.

Du sprichst: Dieß alles ist zwar wahr: Allein, wie vielerley Gefahr, Gram, Unglück, Sorgen, Herzeleid Verbittern meine Lebens-Zeit!

Man hört fast nichts, als Streit und Zank, Bald bin ich, bald die Meinen krank. In unser Jugend, wie bekannt, Sind wir voll Schwäch’ und Unverstand;

Grwachsen, foltert uns die Kraft Verführerischer Leidenschaft, Dann schäumet das erhitzte Blut, Dann spornt uns Stolz und Uebermuht.

Wird man denn mit den Jahren alt, Wird Geist und Cörper ungestalt, Uns plagt die Furcht, uns nagt der Neid, Geiz, Argwohn, Unlust, Grämlichkeit,

Nebst Mangel plagt uns manche Noht, Und endlich würget uns der Tod. Dieß sind die Plagen, so ich hier An meinem Wesen selbst verspühr.

Allein, wer zählt die Qual und Pein, Der wir noch unterwürfig seyn, Wodurch uns andrer Bosheit kränkt, Und uns mit bitterm Wermuht tränkt?

Haß, Undank, Ungerechtigkeit, Verleumdung, Mißgunst, Zank und Streit, Verfolgung, List und Heucheley, Verdacht, Betrug, Verrähterey,

Wie oft thürmt noch ein Unglücks-Meer, Bey allen Lastern, auf uns her. Ja, wär auch hier gleich etwas gut, Verfließt es wie die schnelle Fluht;

Die Lust ist recht als ein Geschrey, Fast, eh’ man sie genießt, vorbey, Dann stellt, nach kurzem Sonnen-Schein, Sich Sturm und Ungewitter ein.

Doch halt! halt ein, verwirrter Sinn, Wo soll dein grämlich Klagen hin? Du saugst so viel, als dich betrifft, Wie Spinnen, aus den Bluhmen, Gift,

Ist dieser Kreis der Erden gleich, Bey etwas Gift, sehr Honig-reich. Erwege doch, wie manchesmahl Erquickte dich der Sonnen Strahl!

Wie hast du nicht so manche Nacht Jm süssen Schlummer zugebracht! Wie oft ward dir dein Tisch gedeckt, Wie süß hat dir die Kost geschmeckt!

Wie oft vergnügte dir das Ohr Der Singe-Vögel süsser Chor! Wie oft der Saiten reiner Klang! Wie oft ein reizender Gesang!

Erfüllt nicht oft für dich die Luft Der Bluhmen Balsam-reicher Duft. Du kannst nicht leugnen, daß die Welt So viele Vorwürf’ in sich hält,

Von denen alle Zier und Pracht Fast bloß allein für dich gemacht. Rührt dich nun nicht ihr Schmuck und Schein, Ist es ja deine Schuld allein.

Halt Gottes Ordnung nicht gering, Am guten Tag’ sey guter Ding; Allein, denk auch, daß Siräch schrieb: Den bösen Tag nimm auch verlieb.

Der Wechsel selbst macht, daß, was gut, Uns noch einmahl so sanfte thut. Ein steter Lenz und Morgen-Schein Würd’ uns so angenehm nicht seyn,

Als da der Winter, samt der Nacht Uns Lenz und Morgen schöner macht. Der kühle Herbst, die Abend-Zeit Vergnügt uns durch den Unterscheid.

Jm Himmel ist nur Glück allein, Und in der Höllen lauter Pein. Auf Erden wechselt beyderley, Dieß stimmt des Schöpfers Ordnung bey.

So tadle denn doch ferner nicht, Was Gott so weislich eingericht’t. Bist du vielleicht allein nur wehrt, Daß GOtt dir nichts als Guts beschehrt?

Dieß foderst du mit Recht wohl nicht; So dulde denn das, was geschicht. Es lindre dieß der Plagen Last, Daß du doch so viel Guts noch hast.

Du klagest, wenn dir was gebricht; Doch die Gesundheit fühlst du nicht, Da du doch ganze Jahren lang Gesund bist, und nur selten krank.

Gieb Recht und Billigkeit doch Platz, Empfinde der Gesundheit Schatz. Durch Denken muß dieß bloß geschehn; So denk denn auf dein Wohlergehn,

Wenn es dir wohlgeht, und verspahr Genuß und Dank nicht bis zur Bahr. Erfüll’ auf Erden deine Pflicht, Denn in der Hölle dankt man nicht.

Verbringst du hier die Lebens-Zeit In Dank und in Gelassenheit; So kannst du hoffen, GOtt zur Ehr’, Er schenke dir dereinst noch mehr.

Gott, als die ew’ge Lieb’ allein, Muß deines Glaubens Vorwurf seyn.

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