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1747–1794

3. Lobgesang .

Gottfried August Bürger

Heller glänzt Aurorens Schleier. Auf! Begint den Lobgesang! Töne drein, geweihte Leier! Hall’ am Felsen, Wiederklang!

Eryzinens Hauch durchdringet, Bis zur Gränze der Natur, Wo die lezte Sfäre klinget, Alle Pulse der Natur.

Sie befruchtet Land und Meere, Sie das weite Luftrevier. Wie sie zeuge, wie gebäre, Weis die Kreatur von ihr.

Morgen liebe, wer die Liebe Schon gekant! Morgen liebe, wer die Liebe Nie empfand!

Wie mit blinkendem Gesteine, Schmükt sie bräutlich unsre Welt; Streuet Blüthen auf die Haine, Blumen über Wies’ und Feld.

Sie enthült die Anemonen, Schliest den goldnen Krokus auf; Sezet die azurnen Kronen Prangenden Cyanen auf.

Den Päonien entfaltet Sie das purpurne Gewand. Wie der Mädchen Busen, spaltet Junge Rosen ihre Hand.

In den Ichor ihrer Wunde Ward ihr Silberblat getaucht, Und aus ihrem füssen Munde Wolgeruch hinein gehaucht.

Morgen liebe, wer die Liebe Schon gekant! Morgen liebe, wer die Liebe Nie empfand!

Liebe segnet die Gefilde, Und beseliget den Hain; Liebe flöst dem rauhen Wilde Wonnigliche Regung ein.

Gatten um die Gatten hüpfen Rüstig durch den Wiesengrund. Afroditens Hände knüpfen Ihren süssen Liebesbund.

Alte Sage bringt zu Ohren: Daß sie auf der Hirtenflur Selber einst den Sohn geboren, Den Beherscher der Natur.

Morgen liebe, wer die Liebe Schon gekant! Morgen liebe, wer die Liebe Nie empfand!

Sie entris Anchisens Laren Dem entflamten Ilion, Und aus tausend Meergefaren Den verfolgten frommen Sohn.

Sie war’s, die die Hand Aeneens Und Laviniens verband; Und die keusche Zone Rheens Löste sie durch Mavors Hand.

Sie vermälte Romuls Diener, Halb durch List und halb durch Macht, Mit den Töchtern der Sabiner. Aus den Küssen erster Nacht

Keimten glänzende Geschlechter, Mit der Zeiten Wechsellauf, Patrioten und Verächter Ihres Todes keimten auf.

Morgen liebe, wer die Liebe Schon gekant! Morgen liebe, wer die Liebe Nie empfand!

Schall’, o Maigesang, erschalle! Töne, Cypris Hochgesang! Hört ihr? Singen ihr nicht alle Fluren, alle Wälder Dank?

Von dem Anger tönt das laute Lustgebrüll der Heerden ihr. Aus dem hohen Haidekraute Zirpen tausend Grillen ihr.

Ihr nur schnattert das Gefieder Von den Teichen Dank empor; Und der edlern Vögel Lieder Sind ein Opfer ihrem Ohr.

Horcht! Es wirbelt Philomele Tief aus Pappelweiden drein. Liebe seufzet ihre Kehle; Keine Klage kan es seyn.

Nicht um Tereus Grausamkeiten Wimmert Prognens Schwester mehr. Sol ich nicht ihr Lied begleiten? Stimmet mich kein Frühling mehr?

Phöbus, säng’ ich nicht dem Maien, Säng’ ich nicht, o Liebe, dir, Würde nimmer mir verzeihen. Stimm’ und Laute nähm’ er mir.

Drum so werde, wann die Schwalbe Singend ihre Wonung baut, Werd’, o Sang, gleichwie die Schwalbe Nach der Winterstille laut!

Morgen liebe, wer die Liebe Schon gekant! Morgen liebe, wer die Liebe Nie empfand!

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