Morgen liebe, wer die Liebe
Schon gekant!
Morgen liebe, wer die Liebe
Nie empfand!
Unter hellen Melodieen
Ist der junge Mai erwacht.
Seht, wie seine Schläfe glühen!
Wie ihm Wang’ und Auge lacht!
Ueber kräutervollen Rasen,
Ueber Hainen schwebet er.
Kleine laue Weste blasen
Wolgerüche vor ihm her.
Segenvolle Wolken streuen
Warme Tropfen auf die Flur,
Geben Nahrung und Gedeihen
Jedem Kinde der Natur.
Morgen liebe, wer die Liebe
Schon gekant!
Morgen liebe, wer die Liebe
Nie empfand!
Lieb’ und Gegenliebe paaret
Dieses Gottes Freundlichkeit,
Und sein süssestes versparet
Jedes Thier auf diese Zeit.
Wann das Laub ihr Nest umschattet,
Paaren alle Vögel sich.
Was da lebet, das begattet
Um die Zeit der Blüthe sich.
Morgen liebe, wer die Liebe
Schon gekant!
Morgen liebe, wer die Liebe
Nie empfand!
Schauet! Freudiger und röter
Bricht des Tages Morgen an,
Als im Anbegin, da Aether
Mutter Tellus liebgewan;
Und ihr Schoos von ihrem Gatten
Floren und den Lenz empfing;
Und des ersten Haines Schatten
Um die Neugebornen hing.
Morgen liebe, wer die Liebe
Schon gekant!
Morgen liebe, wer die Liebe
Nie empfand!
Als der erste Frühling blühte,
Wand, erzeugt aus Kronus Blut,
Göttin Venus Afrodite,
Bei gelinder Wogenflut,
Sich almählig aus des grauen
Ozeans verborgnem Schoos,
Angestaunet von den blauen
Wasserungeheuern, los.
Morgen liebe, wer die Liebe
Schon gekant!
Morgen liebe, wer die Liebe
Nie empfand!