Skip to content
1855

Epilog

Friedrich von Bodenstedt

Ein Gärtner schreit' ich durchs Land, Die Blumen pflegend, Das Unkraut jätend, Den Acker bereitend

Zur guten Empfängnis Des Saatkorns der Weisheit. Befruchtende Wasser Durchrieseln die Felder

Gemessenen Laufes, Nutzbringend, bescheiden – Derweilen der Springquell Aus marmornem Becken

Hochaufspringt und plätschert In sprudelndem Übermut. Das keuchende Zugtier, Gepeitscht von dem Führer,

Durchlockert den Boden, Kann nimmer genug tun – Derweilen die Nachtigall Süß flötend im Baum sitzt

Und neckisch herablugt Zur schmachtenden Rose. Das Gras wird zertreten, Das saftig die Herde nährt,

Und niemand beachtet Die heilenden Kräuter, Die wundertätigen, Verborgen im Grase –

Derweilen der Efeu Sich stolz um den Baum rankt Und die Blumen prangen In lieblichem Dufte

Und blendendem Farbenspiel. So ist es im Leben, So ist es im Liede. Denn der Sänger vermag nicht

Die Ordnung zu stören, Die ewige Ordnung, Der alles sich fügen muß. Laß die Nachtigall singen

Sie kann nicht den Pflug ziehn Und es hat kein Zugtier Die Stimme der Nachtigall. Laß prangen die Blumen

In üppiger Schöne; Ihr Duft, ihre Wohlgestalt Sind uns zur Freude da. Die Blumen zu pflegen,

Das Unkraut zu tilgen, Ist Sache des Gärtners. Die Sorgen zu bannen (Das Unkraut des Geistes),

Den Kummer zu scheuchen, Die Schmerzen zu lindern, Ist Sache des Sängers. Der Garten liegt vor euch

Mit saftigen Reben Und rankendem Efeu. Mit klingenden Zweigen Und plätscherndem Springquell.

Mit heilenden Kräutern Im schwellenden Grase, Schwarzäugigen Mädchen In blühenden Lauben,

Mit Blumen und Früchten. Erquickt euch daran Nach den Mühen des Tages; Genießet das eine

Und freut euch des andern.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Epilog · Friedrich von Bodenstedt · Poetry Cove