Fünf Monden lang An Faulheit krank, Lag meine Mähre Schon auf der Streu,
Und ich dabei. Der Sporn der Ehre War viel zu schwach; Was er auch stach,
Ich streckt' und dehnte Mich aus, und gähnte, Und ward nicht wach. Ich sah den Mayen,
Doch träumend nur, Das Jahr erneuen. Selbst die Natur Sprang aus dem Bette,
Und zog sich an; Und in die Wette Erscholl ihr dann In lauten Schlägen
Gesang entgegen. Doch Aug und Ohr Blieb mir, wie vor, Fest zugeriegelt,
Als wären sie Mit Pech versiegelt. Die Harmonie Von hundert Chören
Vermochte nicht Mich aufzustören, Bis dein Gedicht Mich aufgerüttelt:
Ich las, und sieh! Die Lethargie War abgeschüttelt, Mein Kopf ward warm
Und in den Arm Kam mir ein Jucken Wie Fieberzucken, Und, Freund, für dich
Ergossen sich Durch meine Finger Die kleinen Dinger Zur Antwort hier
Auf das Papier. Du, dem hienieden Das höchste Gut Ein tanzend Blut
Und frohen Muth, Natur beschieden, Du machest dir Selbst öde Mauern,
Wo Menschen trauern, Zum Lustrevier, Und mahlest mir Kirch' und Kapelle,
Und selbst die Schwelle Am Kerkerthor So reizend vor, Wie in der That
Wohl kein Prälat Den Kandidaten Den Aufenthalt Der Herr'n Castraten
Ex voto malt. Allein der Bauer Sey noch so schön, D'rin wohnet Trauer.
Dem Vögelchen Wird hinter'm Gitter Wär's auch von Gold, Der Zucker bitter:
Viel lieber holt Es sich die Speise Mit Müh', und lebt Nach eig'ner Weise.
Es flattert, strebt Nach seines gleichen: Du magst ihm Trank Und Futter reichen,
Es härmt sich krank, Sieht seine Brüder In freier Luft, Hört ihre Lieder,
Sieht aus der Gruft Der Liebe Freuden, Und härmt sich ab In seinem Grab
Zu solchen Leiden Verdammten sich Die Emigranten Der Menschheit, bannten
Das all' von sich, Was uns hienieden Ein guter Gott Zur Lust beschieden:
Ihr täglich Brod Sind Sehnsuchtsblicke In's Vaterland, Das sie verbannt.
Und nicht zurücke Die Armen läßt, Die, ach! so fest Ein Schwur gefangen,
Und von der Welt Gesondert hält. D'rum laß die Stangen Nur immerhin
Von Golde prangen, So bleibt ihr Sinn Am Golde hangen. O; glaube mir,
Es würde dir Gar schlecht behagen, Durch einen Schwur Von der Natur
Dich loszusagen, Und immerhin An jedem Sinn Ein Schloß zu tragen.
Bedenke nur, Wie die Natur Die Ueberläufer Der Menschheit straft.
Ein blinder Eifer Gibt ihnen Kraft Das inn're Treiben Der Menschlichkeit
Zu übertäuben; Doch pflegt im Streit Den Geiselstreichen Kein Härchen breit
Der Trieb zu weichen, Dem Heid' und Christ Gleich zinsbar ist. Was hilft all' Ringen
Mit ihrem Fleisch? Wer kann sich keusch Und fühllos singen? Ein Opiat
Wär' in der That In solchen Nöthen Viel besser, als Durch den Hals,
Den Wurm zu tödten, Den Kämpfern rinnt. Wenn Leib und Seele In Flammen sind,
Und durch die Kehle Noch Feuer rinnt, Wer kann da sagen: Ich habe mich
Mit meinem Ich Herumgeschlagen? Was Wunder denn, Wenn sie im Bette
Gespenster seh'n, Und in der Mette Das hohe Lied An Sulamith –
Das uns're Zeiten So mystisch deuten – Im gleichen Ton, Wie Salomon,
Herunter singen, Und oft dabei Nach Athem ringen? Wie vielerlei
Gefahren dräuen Der Phantasei, Wenn fromme Layen Dem Priesterohr
In Schildereien Ganz ohne Flor Abkonterfeien, Was sie verübt?
Allein es giebt Noch mehr Gefahren: Ein Mädchen, kaum Von achtzehn Jahren,
Spricht nur von Traum Und von Ideen, Läßt stotternd kaum Im Nebel sehen,
Was sie gethan; Da muß der Mann Durch zwanzig Fragen Das gute Kind
So lange plagen, Bis es die Sünd' Ihm so genau Wie Gerhard Dow
Im Kleinen mahlet. So angestrahlet Vom Schein der Lust, Muß nicht die Brust
Ihm höher pochen, Und Wollust kochen? Ein Amtsgesicht In solchen Fällen
Hilft wahrlich nicht, Sich zu verstellen. Kein Ordenskleid Hemmt da das Bäumen
Der Menschlichkeit, Und des geheimen Verlangens Spur Glüht auf den Wangen
Zu deutlich nur. Dich hält, Natur! Kein Eid gefangen; Kein Scapulier,
Und kein Brevier Band deine Triebe. Der Arme hier Verdammt die Liebe,
Und glüht von ihr, Erwehrt sich kaum, Selbst in den Sünden Sie schön zu finden.
Ein Busenbaum Zwar ahndet kaum Das Echauffiren In diesem Fall;
Denn judiciren Muß nun einmal Er über jeden Gewissensfall:
D'rum hat er jeden, Wie sich's gebührt, Bei'm Sündenwägen Privilegirt
Von Amtes wegen, Weil ihn aus Pflicht Der Kitzel sticht. Kraft dieser Lehre
Die stets zur Ehre Der Menschheit ist, Bestimmt und mißt Ein Casuist
Auf seiner Elle Die Sündenfälle Ohn' alle Fahr, Und darf sogar
Ohn' Angst und Grauen Der Sünderin In's Antlitz schauen, Die Sünde kühn
Anatomiren, Mit Seel' und Sinn Sich d'rein verlieren, Darf, ohne Scham,
Dir jeden Schlamm Von Lust filtriren. – Noch nicht genug, Er kann ein Buch,
Wie Sanchez, schreiben, Und seinen Sinn Zum Lustpfuhl in Die Schwemme treiben,
Der gute Mann Wird ohne Schaden Darin sich baden, Und bleibt – ein Schwan!
Genug für itzt! Denn sieh, es schwitzt Schon Roß und Reiter, Auf einem Ritt
Bei solchem Schritt Kömmt man nicht weiter. Zudem sind ja Die Verschen da,
Die kleinen Dinger Dir, traun! von je Gar bösliche Gedankenzwinger.
Und Schritt vor Schritt In dem Gebiet Einher zu reiten Ermüdet sehr;
Es auszureiten Schickt es sich mehr Zum Galoppiren, Als zum Trottiren.
Cookies on Poetry Cove