Du wirst mir beyfallen mein Fremdling! ach! eine unbillige Würkung der leidigen Sterblichkeit!
Lise und urtheile! Alles was alle Wele bewundert bewohnet diesen ängen und einigen Grabschrein:
oder vielmehr Alles dasselbe hatte beysammen die diesen Sarg bewohnet die Hochfürtrefflichste
Emilia Gräfin vo Holland-Brederode; von der Fr. Mutter aus dem Fürstlichen Haus Nassau: Dannenhero von Stande und Stam̄en
nicht nur Wohl- sondern Hochgebohren. Von Gemüte welches aus des Mundes un̄ der Stirne Doppel Fenster hervorleuchtete
ein Tempel aller Tugenden und mit einem Wort: Die Allervollkommenste. Von Gestalt des Leibes
dessen Zierde diß Geschlecht als Eigen das Allerschönste Frauenbild und der schönsten Tugend gleich-schöne Wohnung:
Welche noch schöner wurde durch der Sitten mit angebohrner Geist-hoheit Freundseeligkeit
die bey den Anschauern zugleich Liebe und Ehrfurcht würkte. Auch das Glück welches sonst mit der Tugend
selten Freundschaft machet konde nicht unterlassen mit seine Gabe sie reichlich auszusteure Sie ward zweymal
und zwar Erstlich als Freulinn an den Hoch- und Wohlgebornen Herrn Herrn Letzlich als Wittib
an den auch Hoch- und Wohlgebornen Herrn derer Jenen sie traurig vorangeschicket; Diesen aber höchstbetrůbt hinterlassen:
Welcher nun weil keine Klage so grossem Verlust genug gegenwage in stumm- und stillem Unmut
sich nur nit gar verzehret und üm diese den Sarg anklaget. Mein Fremdling!
wirst nun du nicht von Ihr wie ein andrer von einer andren sagen: Sie hat sonst keine Schuld jemals begangen als daß Sie gestorben ist;
die da verdiente ein ganzes Jahrhuntert zu leben. Zweyer Kinder Mutter starbe sie gleichwol ohne Kinder:
auser daß der Nachruhm ihrer Tugend unsterblicher Sohn mit der Welt wird in die wette leben. Diß Gestirne
nachdem es 33 Jahre auf Erden ward den 14 Augusts im 1663 Jahr aus der Teutschen Keyser-Sitzstadt gen Himmel abgefordert:
da es unter die Fixsternen versetzet vor unsren Augen untergangen und verschwunden.
Cookies on Poetry Cove