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1883

Sonntagmorgen

Otto Julius Bierbaum

Durch den breiten Fensterbogen Blick ich hinaus in stürmischen Frühling. Grobgraue Wolken in dicken Flocken Schieben sich drängend über das bleiige

Blau des Himmels, schwarze, geballte Wolkenfäuste drohend voran. Unten der Sturm faucht in das junge Grün Wie eine gierige Löwenkatze,

Zaust die buschigen Wipfel, rauft, Zerrt in den zitternden Locken des Laubs. Steinern starr, spitzig schlank, Ragt im grünen Sturmgeschwank,

Schnörkelblütig, rankenumklettert, Keck in die Höh zu den jagenden Wolken, Hochaufreckend ein goldenes Kreuz, Der gotische Turm.

Und es klingt durch den Sturm Vom Turm herab, Dunkeltönig, wellig, breit, Dumpf, ernst, tief

Kirchengeläute: „Kommt – kommt, kommt – kommt, Gott – ruft, Gott – ruft, – Kommt ...!“ Der Sturm stößt weiter, die Glocke verklingt,

Die Wolkenfäuste spreizen die schwarzen, Knolligen Finger: Der Regen träuft. Da schweigt der Sturm. Ein Nebelgespinnst, eintönig, grau,

Schwankt vor dem Fenster. Leises Rieselrauschen flirrt, Frische Düfte atmenden Lebens Kühlen herein.

Und ferne, ferne, über dem Mosaik Des langen Kirchendaches (ein Meßgewand, Steif golden hangend von Priesterschultern) Thut lachend ein blaues Himmelsauge

Sich heiter auf. Fröhlichen Lichtes ein kleines, blaues Flämmlein, blinzelt es liebenswürdig Und ein wenig malitiös

Ueber das protzige, fromme Dach, Lacht und leuchtet, lacht und leuchtet, Und wird größer im Lachen und Leuchten, Und unermeßlich groß

– Gottes Auge! – Wie die dumpfen Kirchenglocken Heimwärts bimmeln ihre Heerde: „Geht – geht, geht – geht!

Fromm – fromm, fromm – fromm, fromm ... Heiter milde lacht das große, Blaue Gottesauge.“

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