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1814

Erinnerung

Ernst Moritz Arndt

Ein Vöglein flog wohl hier zum Rhein Mit goldnen Flügeln und goldnem Schnabel, Sang Grüße mir ins Haus hinein, Als wär's Frau Mär oder Jungfer Fabel.

So schien es, aber Gebär' und Gesicht Sprachen anders, sie sprachen: Die ist es nicht. Jungfer Fabel trägt leichteren Flug und Sinn, Leichter als Aprilensonnenstrahlen

Fliegt's ihr auf dem Angesicht her und hin, Kein Maler könnte die Wechsel malen: So spielt sie mit Scheinen, selbst eitel Schein – Diese Leichte, Lustige kann's nicht sein.

Wie nenn' ich mir denn das geflügelte Kind? Wie deut' ich die freundliche, süße Stimme, Die säuselt wie sanft durch den Blütenwind Das Lenzgesumse der Honigimme?

Gesäusel, das tief in den Busen dringt Und längstverklungene Töne klingt? Du bist es, du bist es, die ewig jung Wie Frühling grünet bei grauen Locken,

Du Seligste bist es, Erinnerung: Du wehst der Vergangenheit Blütenflocken Mit stillem Sehnen aufs alte Herz, Die alte Freude, den alten Schmerz.

Du bist es, die echte, die rechte Mär, Nicht jene, die leichthin tändelt und flattert, Die, was in der Welt ist herrlich und hehr, Zum Spott und Gelächter hinunterschnattert –

Du bist es, graulockig, doch ewig jung, Du bist es, holde Erinnerung.

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