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1864–1913

Frühlingsgebet

Wilhelm (Hg.) Arent

Wieder wallen die süßen Lüfte Und den farbigen Brautkranz Flicht die Erde, die ewig junge Wieder in's perlenglitzernde Haar;

Aufleuchtend erglüht Zu neuer Freude das Auge, Das zum Staube sich trüb' gesenkt; Hoffend wendet das Herz sich

Der Zukunft zu, Die sich golden aufthut, Und auf die Lippen drängt, Innig geflüstert

Sich das tiefste Gebet der Seele. Selten in mein Herz Ist der fröhliche Lenz gekehrt, Und meine Blüthen

Hast du mit Schauer umweht und Frost, Finster waltendes Schicksal: Hast mich früh hinausgedrängt, Mit dem Leben zu kämpfen,

Und strenge Nothwendigkeit Verscheuchte die süßen Bilder, Welche die Dichtung spinnt, Die sorgenlose, die ewig

Heitere Göttin. Gabst du den Kampf, ich habe gekämpft! Wirst du die Sonne mir verhüllen, Im Dunkel werd' ich suchen den Weg –

Eins nur begehre ich. Laß mir die Seele frei von Bitterniß, Daß mir immer traut und verständlich Die Sprache sei,

Die der Mai spricht, Daß keine Rose vergebens Den köstlichen Hauch mir entgegenwehe, Kein Lied,

Das freier Kehle wirbelnd entsteigt, Ungehört an das Ohr mir schlage ... Laß mir die Seele frei von Neid, Laß mich glücklichere Lippen

Schlürfen seh'n der Freude Labetrunk Und dann ruhig zurückkehren Unter die Last der Arbeit, In den eisernen Dienst der Pflicht.

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Frühlingsgebet · Wilhelm (Hg.) Arent · Poetry Cove