Gedenck o Mensch dich zu beschicken Wie bald ists nicht mit dir geschehn Wer heute seine Macht läst sehn Liegt leichtlich Morgen auff dem Rücken;
Ein Tag voll Sonn und heller Lufft Schickt mehrmahls in die dunckle Grufft Was schien kein Ende zu gewinnen Und was man liebet und erhebt
Verschwindet bald aus Hertz und Sinnen Wanns uns nicht mehr für Augen schwebt. Indeß hält dein verstocktes Hertze Der Sinnen Irrlicht so verblendt
Daß es nicht fühlet sieht noch kennt Was ewig freu' und ewig schmertze. Die träge Schlaff-Sucht wiegt dich ein Daß keiner heilgen Flamme Schein
Die todte Finsterniß durchdringet In Blindheits-voller Mattigkeit Die den erstorbnen Geist bespringet Verschläfft verderbst du deine Zeit.
Ach ändre bessre die Gedancken Besinne klüger was du thust Und zwinge deine freye Lust Mit Ernst in ausgesteckte Schrancken
Denck handle liebe so mit Fleiß Als ob der lezte Todes-Schweiß Dich stündlich übereilen wolte Als ob dein lezter Augenblick
Einträt und nun entscheiden solte Dein ewig Weh und ewig Glück! Wer Sorge trägt für sein Gewissen Der schaut den Tod nicht anders an
Als eine Freuden-volle Bahn Zu wünschens-würdigem Genüssen. Er kan das klappernde Gebein Der dürren Wangen bleichen Schein
Mit unverwandtem Mutt ertragen Denn jenes bildet ihm nur hier Das Ende seiner Müh und Plagen Und die der Freyheit Eingang für.
Fleuch für der Schuld und thue Busse Wiltu genüssen ewger Ruh Damit du nicht in fauler Muße Dem grossen Hauffen rennest zu.
Bereite dich ja ohn Verdruß: Denn hast du heute nicht den Schluß Wird er dir morgen leichter fallen? Hast du das Ziel in deiner Hand
Daß dir bey deinem rohen Wallen Der Morgen noch wird zugewand? Was hilfft dich auch dein Längerleben Wenn keine Besserung dabey
Als daß es mehrer Sünd ergeben Auch mehrer Straffe schuldig sey? Wird mit der hohen Jahre Zahl Nicht offtermahls zu Stein und Stahl
Der Schwamm so unsre Seel umgeben? Das Hertze will dem Peche gleich Nur länger an der Erde kleben Und sehnt sich nicht nach Gottes Reich.
Ach wolte Gott daß unsre Sinnen Nur möchten in sich selbst entzückt Zum gutten Recht und wohlgeschickt Bißweilen einen Tag gewinnen!
So sehn wir daß der schwere Geist Sich nur auffs Irrdische befleißt Prangt offt mit hinterlegten Jahren Doch fragt man wie sie zugebracht
So läst der stumme Mund erfahren Daß man auff wenig Gutts gedacht. Scheint dir der Tod voll Furcht und Schrecken So wisse daß dir mehr Gefahr
Und Scheu als ie zu fürchten war Dein längres Leben kan erwecken; Wohl ist es um den Mann bestellt Der diesen stets in Augen hält
Sich mit ihm umzugehn bereitet Der von sich selbst sich trennt und theilt Sich selbst noch eh als ihn bestreitet Der wird von ihm nicht übereilt.
Gewöhne dich dir selbst zu sagen Wenn einer izt sein Leben schliest: Es wartt auff dich was du izt siehst Bald wird auch deine Stunde schlagen.
Wenn izt der frühe Tag erwacht So zweifel ob sich biß zur Nacht Dein flüchtig Leben werd erstrecken Und schläffst du ein so dencke gern
Ob dich auch wieder werd erwecken Der angenehme Morgen-Stern. Kömmt nun die lezte Lebens-Stunde So denckt man anders als vorhin
Die alte Schuld kömmt uns zu Sinn Und brennet in verharschter Wunde; Da wird uns bitter und vergällt Da Höllen-straffbar vorgestellt
Was man anizt mit Frevel treibet Wie wünscht man offt in solchem Nun (Und glücklich wenn der Wunsch bekleibet!) Noch Zeit zu wahrem Busse thun.
Wohl dem der eh die Kräffte schwinden Der Eitelkeit und Sünd ablebt Sich so in Buß und Reu begräbt Daß ihn der Tod bereit muß finden!
HERR der du hast den Tod geschmeckt Daß er uns nicht zur Hölle schreckt Lehr mich der Erde täglich sterben: Wenn ich denn schliesse meinen Lauff
Laß mich im Tode nicht verderben Und nimm den lezten Seuffzer auff!
Cookies on Poetry Cove